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Praxis für Psychotherapie und Hypnosetherapie | ulrich-heister.de

Menschen bewegen sich in der Welt meinst mit einer grundsätzliche Haltung des Vertrauens oder des Misstrauens. Wem geht es dabei wohl besser? Können sich die Misstrauischen aufgrund ihrer Vorsicht und Zurückhaltung sicherer fühlen? Werden die Vertrauenden in ihrer Blauäugigkeit ständig ausgenutzt und über den Tisch gezogen? Wahrscheinlich nicht. Schauen wir uns also das Thema Vertrauen einmal näher an. Wie kann es verloren gehen und wie kannst Du es wiedergewinnen?

Arten des Vertrauens

Vom Einzelnen aus betrachtet können wir drei verschiedene Arten des Vertrauens beobachten: Zum Ersten das Vertrauen in sich selbst. Zum Zweiten das Vertrauen in andere Menschen. Und zum Dritten das Vertrauen in das Leben, beziehungsweise in die Welt.

Selbstvertrauen

Selbstvertrauen bedeutet, dass wir beispielsweise stark, stabil, schlau oder erfahren genug sind, um mit den Dingen, die uns im Leben begegnen, umgehen können. Wir können also mit Leichtigkeit die Routineaufgaben des Alltages erledigen und unsere Grundbedürfnisse decken. Darüber hinaus haben wir die Zuversicht, mit größeren Aufgaben und Herausforderungen fertig zu werden. Mit anderen Worten: Wir definieren unser Leben nach den eigenen Wünschen. Ziele setzen und erreichen wir mit angemessenem Aufwand und wir verwirklichen Projekte, die wir uns vorgenommen haben. Dabei orientieren wir uns an eigenen Werten und übernehmen Ansichten anderer nicht ungeprüft.

Vertrauen in andere

Vertrauen in andere zu haben bedeutet, die Überzeugung oder das Gefühl zu haben, dass eine Aussage von jemand anders richtig oder wahr ist oder dass er redlich und integer ist. Wir gehen davon aus, dass wir uns auf den anderen verlassen können und unsere Erwartungen und Wünsche durch ihn nicht verletzt werden. Wir haben die grundsätzliche Haltung, dass Menschen gut sind und uns nichts Böses wollen. Das hat nichts mit Blauäugigkeit oder blindem Vertrauen zu tun. Anderen zu vertrauen, heißt auch, den Charakter anderer realistisch einzuschätzen und üblen Absichten nicht in die Falle zu gehen.

Vertrauen in das Leben und in die Welt

In das Leben und die Welt zu vertrauen bedeutet, zu wissen, dass alles irgendwie gut wird. Es ist eine eher optimistische Haltung zum Leben. Wir fühlen uns geführt und auch in turbulenten oder schwierigen Zeiten wissen wir tief im Innern, dass sich die Situation zum Besten wenden wird. Die Welt ist ein Ort, an dem wir uns geborgen und sicher fühlen. Wir empfinden das Leben als einen Fluss, der zwar Kurven hat, aber nie Situationen bringt, die wir nicht bewältigen können. Wer dem Leben vertraut, kann Altes loslassen und leicht neue Bildungen eingehen, um die verschiedenen Lebensaspekte aktuell zu halten und nicht in Überkommenem stecken zu bleiben.

Urvertrauen

Dir ist sicher schon aufgefallen, dass diese drei Aspekte des Vertrauens zusammengehören. Wer anderen nicht vertraut, wird sicherlich auch kein sehr ausgeprägtes Selbstvertrauen haben. Das leuchtet ein, denn unsere persönlichen Muster und Eigenschaften spiegeln sich darin, wie wir die Welt und andere Menschen wahrnehmen. Wie kommt es nun, dass manche voller Vertrauen sind und ihr Leben ganz gut funktioniert und andere misstrauisch durch die Welt gehen und eher nicht viel Freude daran haben?

Die Antwort ist: Urvertrauen. Dieses etwas mythisch anmutende Wort beschreibt eigentlich nichts anderes, als die Qualität der Erfahrungen mit denen wir in das Leben gestartet sind. Wenn unsere Zeit im Mutterleib einigermaßen normal verlaufen ist, das heißt, dass wir nicht allzu sehr mit Stresshormonen von der Mutter geflutet wurden, dass wir nicht durch Drogen oder Medikamente vergiftet wurden oder dass tätliche Angriffe, wie Abtreibungsversuche, ausgeblieben sind, haben wir zwei Grunderfahrungen gemacht: Wir erlebten Verbundenheit und Wachstum.

Vertrauen oder Misstrauen

Menschen, die Urvertrauen haben, erlebten die zwei Grunderfahrungen auch weiter nach der Geburt. Sie erlebten liebevolle Zuneigung und wurden akzeptiert, wie sie waren. Sie hatten den Raum, sich auszuprobieren und selbst zu erfahren. Dabei erlebten sie Unterstützung und Sicherheit. Dem Neugeborenen sind seine Eltern die Welt. So, wie es seine Eltern oder Fürsorger in den ersten etwa drei Lebensjahren erlebt hat, wird es später die Welt sehen und seinen Platz darin einnehmen.

Missgünstigen oder misstrauischen Menschen ging es anders. Sie haben immer wieder Verletzungen der Grunderfahrungen erlebt. Sie wurden am Wachstum gehindert, indem sie manipuliert und indoktriniert wurden und ihnen gesagt wurde, was richtig und wie sie etwas zu tun haben. Auf ihr Bedürfnis nach Bindung wurde mit Kälte und Zurückweisung reagiert. Sie sind in Übergriffen und geistiger Enge erstickt. Ihre Autonomie ist beschädigt und sie wissen nicht, wer sie sind, da sie es nie ausreichend erfahren konnten.

Vertrauen wiedergewinnen

Vertrauen bedeutet letztlich, sich verletzlich zu machen und Risiken eingehen zu können und dabei davon überzeugt zu sein, dass es gut gehen wird. Es überwiegt das Wissen, dass man mit möglichem Widerstand oder Rückschlägen umgehen kann. So ist es bei Menschen mit Selbstvertrauen. Und diejenigen, bei denen es nicht gut gelaufen ist, bleiben auf der Strecke?

Nein. Wie ich schon in einem früheren Artikel geschrieben habe, ist es nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Es ist möglich, bestehende Verletzungen zu heilen und Persönlichkeitsmuster, die das Vertrauen einschränken, aufzulösen.

Empfindungen, die typischerweise bei Menschen mit wenig Vertrauen oder Selbstvertrauen auftreten, sind beispielsweise: Unsicherheit, Angst, Eifersucht, Misstrauen, ein Gefühl der Bedrohung, Neid auf andere oder das Bedürfnis Kontrolle auszuüben.

Vertrauen trainieren

Du kannst Vertrauen trainieren. Gib Dir selbst und anderen Menschen mehr Vertrauen. Traue Dich, die Welt besser zu sehen. Benutze dabei aber natürlich Deinen gesunden Menschenverstand. Und Du wirst fast immer feststellen, dass es gut gegangen ist, dass Du nicht verletzt oder enttäuscht wurdest. Deine Fähigkeit zu vertrauen wird weiter wachsen. Vertrauen ist so etwas wie ein Vorschuss. Du gehst im Voraus davon aus, dass etwas gut geht, dass Dir dieser Mensch nicht schaden will, dass die Welt nicht böse ist. Mit dieser Einstellung öffnest Du einen Raum, in dem etwas Neues möglich wird. Lasse Dich von Rückschlägen nicht entmutigen und lerne aus ihnen.

Wenn die Muster jedoch tiefer angelegt sind, ist es schwieriger, sich selbst aus ihnen zu befreien. Dann brauchst Du dabei Hilfe. Die Muster anzugehen ist Arbeit, die sich aber sehr lohnt. Solltest Du feststellen, dass Dir in bestimmten Lebensbereichen das Vertrauen fehlt, muss das nicht so bleiben. Sich von diesen Mustern zu befreien ist ein Gewinn, von dem Du Dein gesamtes Leben lang profitierst.

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Woher wissen wir, was richtig und was falsch ist? Was ist die natürliche Grundlage für unsere Gewissen? Weshalb wissen wir instinktiv, wenn wir falsch behandelt werden oder es selbst mit anderen tun? Warum ist uns klar, dass Hasskommentare im Netz falsch sind? Was ist mit den Menschen passiert, die ihren Hass derartig ausdrücken? Was ist mit deren Menschlichkeit passiert? In diesem Artikel geht es um unseren natürlichen eingebauten Kompass, wie er kaputt gehen kann und wie wir ihn wieder reparieren.

Unsere Grunderfahrungen

Das Leben von uns Menschen beginnt im Bauch der Mutter. Wir sind in diesen neun Monaten ausschließlich mit Wachstum beschäftigt, in inniger Verbindung mit der Mutter, mit der wir körperlich buchstäblich eins sind. Daraus ergeben sich zwei Grunderfahrungen, die wir ganz zu Anfang machen und daher tief in uns verankert sind. Diese Grunderfahrungen sind Verbundenheit und Wachstum.

Diese bleiben für uns auch nach der Geburt absoluter Maßstab. Das Neugeborene braucht unbedingt unmittelbar nach der Geburt den körperlichen Kontakt zur Mutter und sollte auch von ihr gestillt werden. Dadurch werden diese Grunderfahrungen auch für die Welt außerhalb der Mutter nach der Geburt erhalten. Der oder dem Kleinen bleibt sein Urvertrauen erhalten: Es macht die Erfahrung, ich bin gewollt, ich werde genährt, ich bin verbunden, ich kann wachsen und meine Wesen entfalten. Das ist die wichtigste Aufgabe für die Eltern: das Gefühl der bedingungslosen Annahme zu vermitteln und es mit dem zu versorgen, was es braucht.

Urvertrauen

Menschen, die unter diesen Bedingungen groß werden, behalten ihr Vertrauen in die Welt und die Menschen. Sie wachsen in einer Welt auf, in der sie sein können, wer und wie sie sind. Ihre Welt versorgt sie mit allem, was sie brauchen. Verbundenheit und Wachstum sind aufgrund dieser Grunderfahrung für kleine Kinder nicht nur ein Selbstverständnis, sondern sie gehen auch davon aus, dass dies auch für andere gilt. Daher sind Kinder von Anfang an empathische, hilfsbereite, lernbegierige, vertrauensvolle und mit Selbstvertrauen ausgestattete Wesen. Sie brauchen daher nur Schutz gegen Gefahren, die Sie nicht einschätzen oder kennen können und den Raum sich selbst zu erproben und  zu erfahren.

So entstehen gesunde, selbstbewusste Menschen, die nicht zu manipulieren sind. Sie gehen ihren Weg und werden von anderen Menschen meist sehr geschätzt. Sie treten ganz natürlich in Verbindung mit anderen und mögen einen lebendigen Austausch. Eine natürliche Intelligenz ist ihnen zu Eigen und sie wählen einen Lebensweg, der Sie erfüllt. Bedeutung ist ihnen nicht wichtig, da sie Bedeutung in sich selbst finden. Materieller Wert ist nicht so wichtig, da sie um ihren Wert wissen. Macht und Kontrolle sind ihnen egal, da sie niemanden zu beherrschen brauchen, um einen inneren Mangel zu bekämpfen.

Würde und Integrität

Doch leider wachsen wir nicht in einer idealen Welt mit idealen Menschen auf. Und trotzdem trägt jeder diesen inneren Kompass tief in sich, der nie verloren geht und der anzeigt, wenn unsere Grundideale von Verbundenheit und Wachstum verletzt werden. Der Neurobiologe Gerald Hüther nennt das Bewusstsein um diese Grunderfahrungen „Würde“. Diese Bezeichnung finde ich sehr passend und es lohnt sich länger darüber nachzudenken. Noch besser gefällt mir die Bezeichnung „Integrität“. Das Wort kommt vom lateinischen „integritas“, was unversehrt, intakt beziehungsweise vollständig bedeutet.

Wir merken sofort, wenn andere versuchen unsere Integrität zu verletzt wird oder wenn wir es selbst tun. Wir fühlen uns nicht gut. Wir nennen das Gewissen. Kinder spüren ganz genau, wenn etwas nicht stimmt. Wenn sie manipuliert werden, wenn sie einen Übergriff erfahren, wenn Verhalten anderer inkongruent ist oder wenn Sie etwas tun sollen, dass ihrer Integrität widerspricht. Doch aus ihrer Unerfahrenheit heraus glauben sie natürlich eher denen, von denen sie abhängig sind, als sich selbst. So geschieht es, dass sie die Verletzung ihre Integrität akzeptieren, sie sich an die Umgebung anpassen und dass andere Menschen ihre eigene Integrität verletzen. Wer die Integrität anderer verletzt, tut dies gleichzeitig mit seiner eigenen. Kleine Kinder lernen dies aufgrund ihrer Vorbilder als normal anzusehen.

Es ist normal, gegen die menschliche Natur zu handeln

Der menschlichen Natur liegen Verbundenheit und Wachstum zu Grunde. Allzu oft verstoßen wir gegen diese inhärenten Bedürfnisse. Kinder werden sehr oft als Objekte behandelt. Dabei bleibt ihre Subjektivität auf der Strecke, das heißt, ihre Bedürfnisse, Einzigartigkeit und ihr tatsächliches Wesen wird übersehen oder ignoriert. Sie erfüllen einen Zweck. Beispielsweise, wenn sie als das Kinder-Projekt ihrer Eltern missbraucht werden, sie also für die Eltern diese Funktion erfüllen sollen. Sie sollen gut in der Schule sein oder die unerfüllten Träume der Eltern leben.

Unser Schulsystem ist ebenfalls so angelegt, dass es Kinder zu Objekten macht. Es geht nicht um sie, sondern letztlich darum, dass sie mittels Beurteilung an unsere (nicht ideale) Gesellschaft angepasst und „erfolgreich“ werden. Auch der Kommerz macht Menschen zu Objekten, nämlich zu Verbrauchern. Deswegen mag niemand, wenn er nicht allzu vermurkst ist, Werbung.

So ergibt es sich, dass auch viele Paar-Beziehungen Objekt-Objekt-Beziehungen sind. Wir sind gewohnt andere Menschen als Funktionserfüller anzusehen. Der Partner wird erwählt, um eigene Bedürfnisse zu stillen. Zum Beispiel um sich selbst aufzuwerten, das Gefühl des Alleinseins zu vertreiben oder um Halt zu finden. (Hier und hier gibt es Artikel, mit denen Du Deine Beziehung verbessern kannst.) Auch im Berufsleben geht es fast nie um die Menschen, sondern um die Funktion, die sie erfüllen. Dieses generalisierte Phänomen zieht sich durch alle Lebensbereiche.

Ein Objekt zu sein, ist eine extreme Abwertung für einen Menschen. Werden sie so behandelt, wird in ihrem Gehirn derselbe Bereich aktiviert, über den auch körperliche Schmerzen wahrgenommen werden. (In diesem Artikel schreibe ich über Entwicklungstraumata.) Es ist normal, dass wir nicht als das Wesen gesehen werden, das wir sind mit unseren Bedürfnissen, sondern in unserer Funktion für die anderen und welchen Nutzen wir ihnen bringen. Und natürlich behandeln wir, aus dieser Erfahrung heraus, auch andere so. Das ist das Grundproblem unserer Gesellschaft. Allein das Wissen hierum könnte schon viel zum Positiven verändern und beim Einzelnen ein Umdenken bewirken. Und viele Schmerzen vermeiden.

Woher der Hass kommt

Nun ist es leicht zu erklären, woher der Hass im Internet, gegen Migranten oder gegen Andersdenkende kommt. Menschen machen Menschen zu Objekten. Hater sehen nicht das Subjekt, das individuelle, einzigartige Wesen, sondern etwas, das in ihnen scheinbar schlechte Gefühle erzeugt. Dabei ist nicht der andere der Grund für ihre schlechten Gefühle, sondern die Verletzung Ihrer Integrität, die sie selbst in der Vergangenheit erfahren haben. Sie selbst wurden zu Objekten gemacht und diesen Schmerz projizieren sie in Form von Hass auf andere. Dabei geben sie ihre Verletzung an andere weiter. Sie erfahren eine scheinbare Erleichterung und Aufwertung.

Wer solche Tendenzen, egal ob sie schwach oder stark ausgeprägt sind, in sich selbst wahrnimmt, kann sich leicht von ihnen lösen, indem er seine Schmerzen konfrontiert und auflöst. So wird das Leben leichter, freudiger, bunter und freier. Dafür hat jeder selbst die Verantwortung. Es gibt keinen anderen Menschen, der Dich nerven, ärgern, verletzen oder hassen kann, wenn Du integer bist, wenn Du ganz, unversehrt, vollständig bist.

Der „integre Imperativ“

Deswegen denke und handele immer so, dass weder Dein Gefühl von Verbundenheit, noch Dein Bedürfnis nach Wachstum beschädigt werden. Und auch nicht das der anderen. Dies ist eine große Herausforderung. Und ein Weg zur Heilung.

PS.: Liebe im ursprünglichen Sinne ist gefühlte Verbundenheit ohne Bewertungen und Erwartungen und die allseitige Erlaubnis zum Wachstum.