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Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstbewusstsein: Viele Menschen hätten davon gerne ein bisschen mehr. Oft meint jemand, der einen der drei Begriffe verwendet, ein- und dasselbe. Doch in Wirklichkeit hat jeder von ihnen eine ganze eigene Bedeutung, und es lohnt sich, sie genauer zu betrachten. In diesem ausführlichen Beitrag erfährst du, wie diese Eigenschaften entstehen, warum sie bei so Manchem zu fehlen scheinen – und was du selbst ganz konkret tun kannst, um sie bei dir selbst zu stärken – und, falls du Kinder hast, wie du sie dabei auf gesunde Weise unterstützt.

Woher kommen Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstbewusstsein?

Das „Selbst“: Damit beginnen alle drei Qualitäten. Um sie zu entwickeln, ist also ein Selbst, ein Ich – man könnte auch sagen, eine Identifikation mit sich selbst – notwendig. Niemand von uns ist damit geboren worden. Als Neugeborenes nehmen wir unser Umfeld über unsere Sinne unmittelbar wahr. Teilweise müssen sich diese Sinne erst entwickeln und schärfen. Aber wir beziehen diese Wahrnehmungen nicht auf uns selbst. Das, was da wahrnimmt, könnte eher als ein unpersönliches Gewahrsein bezeichnet werden. Erst mit den Jahren entsteht ein Selbst, das sich durch Anpassung, Nachahmung, Konditionierung und Gewohnheit immer mehr ausdifferenziert.

Zuerst prägt sich also diese Selbstbezüglichkeit aus. Auf ihrer Basis können Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstbewusstsein entstehen. Alle drei Qualitäten sind enorm wichtige und lebensbestimmende Eigenschaften eines Menschen. Ohne sie können wir kein selbstbestimmtes und erfülltes Leben führen. Wir wären eher Spielbälle des Zufalls und der Umgebung oder unterlägen völlig unseren Trieben und Impulsen. Andere könnten mit uns machen, was sie wollen. Wir würden alles glauben, was sie sagen, und würden sehr leicht Opfer von Manipulation. Wir wären nicht selbstständig und autonom, wüssten nicht, was wir wollen und hätten keinerlei Ausrichtung. Welche Auswirkungen das auf unseren Platz in der Gesellschaft, unser Einkommen, unsere Lebensfähigkeit und auch die Lebensqualität hätte, kann sich jeder leicht ausmalen. Eine komplexe Gesellschaft, wie unsere, wäre ohne Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstbewusstsein undenkbar.

Wie entsteht ein gesundes Selbst?

Bei der Selbstwerdung kann einiges schief gehen. Was sollten Eltern oder Vormünder tun, damit gesunde, eigenständige und soziale Menschen entstehen? Um es vorweg zu nehmen: Es ist gar nicht viel, was sie tun müssen. Die Frage ist eher, was sie nicht tun sollten, denn oft wird eher viel zu viel getan. Dies geschieht manchmal aus bester Absicht heraus, ist aber nicht immer zum Besten des Kindes. Jedes Kind hat, wie alle Menschen in jedem Lebensalter, zwei grundlegende Bedürfnisse: Bindung und Wachstum. Beides haben sie schon im Mutterleib erfahren, und sie erwarten, dass es nach der Geburt so weiter geht.

Daraus ergibt sich für die Erwachsenen: Kindern sollte der Raum gelassen werden, sich selbst zu erfahren und auszuprobieren (Wachstum). Heranwachsende sind aus sich selbst heraus hoch motiviert zu lernen. Sie fassen alles an, probieren alles aus, so wie es ihrem Alter entspricht. Sie möchten an Erlebnissen teilhaben und Dinge versuchen. Sie sind neugierig und interessiert, und sie müssen nicht erst dazu gebracht werden.

Das Interesse und die Begeisterung beim Erforschen der Welt führen dazu, dass die Kinder das Gelernte behalten. Ist eine neue Information oder Erfahrung mit einem positiven Gefühl verbunden, wird sie so im Gehirn gespeichert, dass sie dauerhaft abrufbar bleibt. Erst, wenn ein Erwachsener meint zu wissen, was gut für das Kind ist und es ihm gegen dessen eigenes natürliches Empfinden aufdrängt, entsteht Widerstand. Wer hat dies nicht spätestens in der Schule selbst erfahren? Ist aber das Gelernte mit Angst oder Druck verbunden, wird es in dem Gehirnbereich gespeichert, der für Angst und negative Gefühle zuständig ist.­­­­­­­­

Zum anderen braucht jedes Kind liebevolle Akzeptanz (Bindung), um sich entwickeln zu können. Das heißt, Kinder wollen um ihrer selbst willen geliebt werden. Und sie brauchen natürlich altersgerechten Schutz. Viele Kinder haben heute leider eine voll durchorganisierte Freizeit. Sie sollen möglichst früh möglichst viel lernen, damit später sicher etwas aus ihnen wird. Diese Haltung unterstellt, dass aus Kindern etwas gemacht werden müsste. Nein, sie sind bereits etwas beziehungsweise jemand, und sie brauchen lediglich Unterstützung darin, sich selbst zu entfalten. Es ist wichtig, dass sie viel Zeit für sich selbst haben, um sich mit Freuden zu treffen oder draußen zu spielen. Dabei dürfen sie sich auch langweilen. Oft entwickeln sich erst dabei kreative Ideen. Es ist fatal, wenn Eltern ihren Kindern zu viel vorgeben oder ihnen Dinge aus der Hand nehmen, um ihnen zu zeigen, was wichtig ist und wie es richtig gemacht wird. Unterstütze deine Kinder, interessiere dich für sie und beantworten ihnen ihre Fragen.

Fazit: Kinder brauchen nicht zu etwas gemacht zu werden. Sie sind bereits vollständig, sozial, lernbereit, empathisch und hilfsbereit. Alles, was Kinder brauchen, ist eine liebevolle und beschützende Begleitung und einen Raum sich selbst zu erproben.

Selbstvertrauen

Selbstvertrauen bedeutet, grundsätzlich sich selbst und den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Dazu gehört die eigene Gewissheit, mit den Herausforderungen, die das Leben bringt, fertig zu werden. Das schließt ein, Hilfe zu beanspruchen, wenn es nötig ist. Menschen mit Selbstvertrauen versuchen Neues, lassen sich auf andere Menschen ein und treten sicher auf. Sie wissen, was sie wollen und finden einen Weg, es zu erreichen. Dabei sind sie offen für Anregungen und Ideen anderer. Sie prüfen kritisch, was andere sagen oder tun, und können sich klar abgrenzen. Sie haben mehrere Interessen und gehen ihnen nach, weil sie begeisterungsfähig sind.

Wenn Selbstvertrauen fehlt

Menschen mit geringem Selbstvertrauen sind eher vorsichtig und halten sich zurück. Sie sind weniger offen für Neues und führen eher ein konservatives Leben. Sie haben eine Neigung zu Idolen, die verwirklicht haben, was sie selbst für sich wünschen, und orientieren sich an ihnen in ihrem Denken und Handeln. Sie folgen lieber anderen Menschen, von denen sie sich unterstützt und bei denen sie sich sicher fühlen. Sie schauen sich bei anderen ab, wie sie leben wollen, und folgen eher  Konventionen, ohne diese zu überprüfen. Sie arbeiten unter Anleitung besser als selbstständig. Zustimmung und Anerkennung geben ihnen Kraft und Bestätigung.

Was ist geschehen, wenn Selbstvertrauen fehlt?

Mangelndes Selbstvertrauen ist kein persönliches Verschulden und auch kein unbehebbarer Defekt. Der Fehler liegt eher in der Umgebung, in der sich dieser Mensch entwickelt hat. Er hatte nicht genug Raum, sich selbst zu erproben und erfahrungsbezogen zu lernen. Es sind ausschließlich eigene Erfahrungen, die Selbstvertrauen aufbauen. Wer sich nie getraut hat, über einen hohen Zaun zu klettern, weiß nicht, wie es geht, und wird es später sicher auch nicht versuchen. Bei der Entscheidung, es nicht zu tun, klangen wahrscheinlich die elterlichen Worte im Hinterkopf: „Sei vorsichtig“, „tu dir nicht weh“, „du bist immer so ungeschickt“ oder „Mach keinen Unsinn!“

Möglicherweise warnte vorher schon die Mutter das junge Kind, nicht bis ganz oben auf das Klettergerüst zu steigen, weil sie selbst ängstlich ist: Es könne ja runterfallen und sich verletzen. Sie hat ihre eigenen Beschränkungen auf das Kind übertragen und Zweifel in ihm gesät, die von selbst nicht in ihm entstanden wären. Kinder wissen meist selbst sehr genau, was sie können. Auch wenn der Vater dazu neigt, dem Kind etwas aus der Hand zu nehmen, um zu zeigen, wie es richtig gemacht wird, wird das Selbstvertrauen untergraben. Es bekommt so nicht die Chance, es selbst auszuprobieren. Etwas mehrere Male etwas falsch zu machen ist lehrreicher, als wenn man nur eine Lösung vorgemacht bekommt.

Eltern, die ihren Kindern zu viel abnehmen oder ihnen zu viel vorschreiben höhlen das Selbstvertrauen des Kindes auf perfide Weise aus. Das Gleiche geschieht aber andererseits auch – was vielen Menschen überhaupt nicht bewusst ist –, wenn sie übertrieben loben. Sie denken, sie tun dem Kind etwas Gutes, doch sie tun genau das Gegenteil. Sie vermitteln ihm ein falsches Bild über seine Fähigkeiten. Überfürsorgliche Eltern bieten dem Kind nicht die Möglichkeit, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Es darf vielleicht nicht selbst entscheiden, was es anzieht, oder es darf sich nicht schmutzig machen. Sie suchen seine Freunde und Interessen aus, sie verplanen seine Zeit, sie lösen seine Konflikte oder schützen es davor und so weiter. Wie soll jemand, der so aufwächst, jemals Vertrauen in sich selbst entwickeln?

Was ist zu tun, wenn Selbstvertrauen fehlt?

Was auch immer in der Vergangenheit schief gelaufen sein mag, dass sich kein ausreichendes Selbstvertrauen aufgebaut hat: Es muss auf keinem Fall so bleiben. Wir Menschen sind immer in der Lage, unsere inneren Qualitäten zu ändern oder zu stärken. Oft höre ich Sätze wie: „So bin ich halt.“ oder „Ich bin eine Mensch, der …“ Dabei sind wir als Wesen nie endgültig definiert. Wir können unsere Innenwelt gestalten und Dinge, unter denen wir leiden, ändern. Erwachsen zu sein bedeutet, sich selbst zu hinterfragen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das heißt zu seinen Defiziten zu stehen und aktiv etwas zu tun, diese zu ändern. Das ist viel leichter, als die meisten denken. Ich erlebe dies täglich in meiner Praxis.

Um mangelndes Selbstvertrauen loszuwerden ist es vor allem notwendig, die Gefühle, Überzeugungen und Erlebnisse zu bearbeiten, die in der Vergangenheit entstanden sind und die zu diesem Zustand geführt haben. Es müssen die Gefühle der Verletzung, der Zurückweisung, der sich wiederholenden Enttäuschungen, der Hilflosigkeit und so weiter geheilt werden. Es gilt die Glaubenssätze wie „ich kann nichts“, „alles, was ich anfasse geht schief“, „ich weiß gar nicht, wer ich bin“ und dergleichen in konstruktive Überzeugungen zu ändern.  Zudem muss den Erlebnissen in der Vergangenheit rückwirkend die emotionale Ladung genommen werden, sodass diese Gefühle nicht mehr in die Gegenwart hinein wirken. Dafür gibt es heute hervorragende Methoden.

Mittels dieser Arbeit auf innerer Ebene ändern sich das Selbstgefühl und das Denken. Dadurch fällt es viel leichter anders als vorher zu handeln. Es kann sein, dass dies aufgrund der emotionalen und mentalen Veränderungen fast wie von selbst geschieht. Es ist enorm wichtig, die neuen, absichtlich kreierten Denkmuster in aktive Handlungen umzusetzen. Denn dabei werden die Erfahrungen gemacht, die in der Vergangenheit fehlten und zeigen, dass man heute tatsächlich in der Lage ist, bestimmte Dinge zu tun. Es ist jetzt beispielsweise möglich, Fremde anzusprechen, Dinge zu tun, die man sich vorher nicht getraut hat, im Job selbstständiger zu arbeiten und mehr Verantwortung zu übernehmen, sicher aufzutreten oder den eigenen Standpunkt zu vertreten. Du zeigst, wer du bist,  und sprichst aus, was du denkst. Du vertraust dir selbst und hast Lust vorwärts zu gehen. Nebenbei werden sich viele Ängste und Sorgen, die du vorher vielleicht hattest, auflösen.

Selbstwert

Hierbei geht es natürlich nicht um den Wert eines Menschen. Das Dasein alleine gibt ihm unverhandelbaren Wert und Würde. Es gibt keine Abstufungen zwischen verschiedenen Menschen. Es geht auch nicht darum, für wie wertvoll sich jemand selbst hält. In solch einem Fall sollte das aufgeblasene Ego therapiert werden, falls dies überhaupt noch möglich ist. Es geht darum, wie du zu dir selbst stehst und wie dich selbst einschätzt. Dein Selbstwert spiegelt grundsätzlich wieder, wie du deinen Platz in der Welt einnimmst, ihn ausfüllst und wie du dich dabei fühlst. Aber es geht auch darum, wie du selbst zu deinen Fähigkeiten stehst, wie du sie anwendest und welchen Nutzen du oder die anderen davon haben.

Menschen, die einen gesunden Selbstwert haben, kennen ihren Platz in der Welt. Sie wissen, was sie wollen und sind ausgerichtet. Sie wissen, was sie zur Gemeinschaft beitragen können und bekommen dafür einen entsprechenden Gegenwert, so dass sie frei von Mangel leben können.

Wenn Selbstwert fehlt

Menschen mit einem verminderten Selbstwertgefühl fühlen sich oft nicht gut mit der Welt verbunden. Daher fühlen sie sich unsicher und empfinden oft eine unterschwellige Bedrohung. Sie empfinden sich oft als benachteiligt oder als Opfer derjenigen, die vermeintlich mächtiger sind oder denen es besser geht. Um das Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren, können gerade solche Menschen dazu neigen, andere abzuwerten oder zu diskriminieren. Dadurch, dass sie andere als weniger wert definieren, erheben sie sich in ihrem Selbstverständnis, denn es gibt jemanden, der noch weniger wert ist als sie selbst. Interessant ist, dass das Minderwertigkeitsgefühl nicht unbedingt mit dem eigenen materiellen Besitz zu tun haben muss. Es gibt reiche Menschen, die sich trotz ihres Überflusses minderwertig und leer fühlen.

Oft ist es so, dass die Betroffenen hinter ihren eigenen Möglichkeiten zurück bleiben. Beispielsweise werden sie für Ihre Leistung nicht entsprechend bezahlt oder fordern selbst zu wenig dafür. In meiner Praxis habe ich immer wieder Selbstständige, die sich scheuen für ihre Arbeit ein entsprechendes Honorar einzufordern. Sie sind nicht vom Wert ihrer eigenen Leistung überzeugt oder fürchten, ihre Kunden mit vermeintlich überzogenen Forderungen zu vergraulen. Sind jedoch die Gründe für die Selbstzweifel beseitigt, lösen sich diese Probleme meist.

Was ist geschehen, wenn Selbstwert fehlt?

Menschen, denen es an Selbstwert mangelt, haben in ihrer Entwicklung erlebt, dass ihr Bedürfnis nach Bindung nicht erfüllt wurde. Sie fühlten sich nicht um ihrer selbst willen geliebt. Die Erfüllung dieses Bedürfnisses ist für Babys und kleine Kinder essentiell. Die Gründe, warum die Eltern oder der Vormund nicht in der Lage waren, die nötige Liebe zu geben, können sehr unterschiedlich sein. Oft haben sie selbst keine Liebe erlebt und können sie deswegen nicht weitergeben. Oder ein wichtiges  Elternteil ist depressiv. Es hat eh schon genug mit sich selbst zu kämpfen, und da ist ein Baby noch eine zusätzliche Belastung. Viele Eltern, die ihren Kindern keine Liebe geben können oder sich nicht genug Zeit dafür nehmen, versuchen dies mit Geschenken auszugleichen. Doch das funktioniert nicht. Menschliche Bindung ist durch gar nichts anderes zu ersetzen.

In einer Therapiesitzung erinnerte sich eine Klientin daran, dass sich ihr Vater nicht für sie interessierte, als sie ein kleines Kind war. Er ignorierte sie und gab ihr keinerlei Aufmerksamkeit. Es wurde ihr in der Sitzung bewusst, wie sie sich damals fragte, wie das sein könne, denn sie liebt ihn ja. Um diesen inneren Konflikt aufzulösen fand sie eine Erklärung für sich: Ich bin falsch. Diese Überzeugung trug sie ihr ganzes Leben lang in sich. Jeder kann sich ausmalen, wie sich das auf das Leben auswirkte und was das mit dem Selbstwert macht. Nach dieser Sitzung änderte sich einiges in ihrem Leben.

Natürlich kann auch abwertendes Verhalten anderer dem Selbstwertgefühl massiv schaden – beispielsweise wenn Eltern ihren Kindern direkt sagen, „du bist doof“, „du kannst nichts“, „stell dich nicht immer so dumm an“ und so weiter. So etwas gibt es leider häufiger, als man vielleicht denkt. Dabei müssen die Eltern das nicht unbedingt aussprechen. Es reicht, dass sie es das Kind indirekt spüren lassen. Es können natürlich auch fremde Personen den Selbstwert eines Menschen stark schädigen, etwa durch Mobbing in der Schule, in der Ausbildung oder im Beruf.

Sehr starke Veränderungen im Leben können den Selbstwert auch vermindern. Jemand findet sich plötzlich in einer Lebenssituation wieder, die fremd ist und in der er sich unsicher fühlt: beispielsweise, wenn sich ein langjähriger Lebenspartner trennt, jemand den Job verliert oder mit seinem Unternehmen scheitert. Aber auch eine Entwicklung in eine positive Richtung kann dies auslösen: wenn jemand ein Unternehmen gründet und plötzlich Chef ist; oder ein beruflicher  Aufstieg, der Aufgaben mit sich bringt, die völlig neu sind. Menschen mit einem stabilen Selbstwert können solche Situationen meist gut bewältigen. Ist es jedoch vorher schon angekratzt, kann es zu Problemen kommen.

Was tun, wenn Selbstwert fehlt?

Hier gilt grundsätzlich auch das, was ich schon beim Selbstvertrauen geschrieben habe. Wie wir gesehen haben, geht es um Bindung und um den Platz in der Welt. Wenn die Belastungen und Verletzungen der Vergangenheit auf emotionaler und mentaler Ebene gelöst sind, geht es darum, den eigenen Platz in der Welt zu finden. Und das auf physischer, sozialer und beruflicher Ebene. Der Betroffene sollte eine neue Vision für die Lebensbereiche entwerfen, die aktuell nicht stimmig sind. Die Frage ist: Wie möchte ich leben? Wie möchte ich sein? Mit dieser Ausrichtung ist es leicht, den Weg schrittweise zu gehen. Jeder erreichte Schritt wird das Selbstwertgefühl steigern. Es ist wichtig, sich Hilfe zu nehmen, falls es erforderlich ist.

Zudem ist es notwendig, eine gesunde Bindung zu etablieren. Für das Baby beziehungsweise das Kind ist die Bindung zu den Eltern existentiell. Es ist abhängig von Versorgung und Zuneigung. Erfährt es in diesem Bereich einen Mangel, so prägt dieser sich ein und bleibt bestehen, bis diese Erfahrung in einem bewussten Prozess bearbeitet wird. Die Schmerzen der Zurückweisung müssen geheilt werden. Der Erwachsene muss erkennen, dass er nicht mehr abhängig ist, dass er das Potential hat für sich selbst zu sorgen und für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Lösung ist eine Bindung zu sich selbst, zur Welt und zur Gegenwart.

Selbstbewusstsein

Das Selbstbewusstsein spiegelt wider, wie bewusst du dir deiner selbst bist. Das bedeutet: wie gut du mit dir selbst in Verbindung bist; mit deinem Körper, deinen Empfindungen, Gefühlen und Bedürfnissen. Du magst jetzt denken: „Natürlich nehme ich mich wahr.“ Doch es gibt in der Selbstwahrnehmung starke Abstufungen. Ich habe nicht selten Klienten in der Therapie, die fast vollständig in Ihrem Kopf leben. Sie sind oft in mentalen Konstruktionen gefangen und empfinden fast alle ihre Gefühle im Kopf. Vom Hals abwärts findet kaum ein Gespür für innere Vorgänge statt. Die meisten unserer Gefühle und Empfindungen finden jedoch im Körper statt.

Menschen mit einem gesunden Selbstbewusstsein führen ein bewusstes Leben. Sie tun in irgendeiner Weise etwas für ihren Körper. Sie treiben Sport oder machen Körperarbeit, wie Tai Chi oder Yoga. Sie vergiften sich nicht mit Zigaretten, Alkohol, Drogen oder ungesunder Nahrung, denn ihr Körperbewusstsein macht ihnen dies unmöglich. Sie nehmen sich selbst an und akzeptieren sich, wie sie sind. Sie führen ein selbstverantwortliches Leben, was heißt, dass sie nicht andere oder das System für ein mögliches Unglück beschuldigen. Sie wissen, was sie wollen, und können sich gut gegen andere abgrenzen. Sie sind selbstbestimmt und sorgen für ihre persönliche Integrität. Ihr Reden und Handeln ist in Übereinstimmung mit ihren Werten.

Wenn Selbstbewusstsein fehlt

Menschen mit geringem Selbstbewusstsein haben einen eingeschränkten Zugang zu ihren Empfindungen, Gefühlen und Bedürfnissen. Sie bewohnen ihren Körper nur eingeschränkt und sind unzureichend mit ihm verbunden. Beobachte einmal, wie Menschen gehen. Machen sie fließende Bewegungen, und der ganze Körper schwingt natürlich mit, oder wanken sie von einem Bein auf das andere? Haben sie eine lebendige Ausstrahlung, oder wirken sie erstarrt? Was meinst du, wie sie mit ihrem Körper umgehen? Wirkt er gepflegt oder eher vernachlässigt?

Selbstschädigendes Verhalten kann nur bei mangelndem Selbstbewusstsein auftreten. Rauchen lässt sich nur ertragen, wenn derjenige nicht fühlt, was er tut. Das gleiche gilt für übermäßiges Essen oder den Konsum von Drogen. Nur wer sich nicht fühlt, kann mehr essen als bis zur Sättigung oder weit über den Appetit hinaus. Die Wahrnehmung ist zu einem gewissen Grad vom Körper abgespalten, und es wird in vielerlei Hinsicht möglich, über die eigenen Grenzen zu gehen.

Das Empfinden der eigenen Bedürfnisse ist eingeschränkt. Daher weiß die oder der Betroffene gar nicht genau, was er will. Er wird leicht zum Spielball äußerer Einflüsse und wird manipulierbar. Diese Menschen fallen leichter auf einen Betrug hinein oder lassen sich zu etwas überreden, was sie eigentlich gar nicht wollten. Es ist natürlich auch schwer, einen passenden Lebenspartner zu finden, wer nicht empfunden werden kann, wer der oder die „Richtige“ ist. Wer sich selbst nicht fühlt, kann andere nicht fühlen, und ihm stehen bei der Entscheidung nur Äußerlichkeiten zur Verfügung. Und die können bekanntlich trügen.

Manche Menschen leben so sehr in ihrem Kopf, abgetrennt vom Körper und ihren Gefühlen, dass sie nur noch in mentalen Konstruktionen leben. Ihr Weltbild weicht so sehr von der Realität ab, dass sie ständig im Konflikt mit ihr leben. Sie können andere Menschen nicht verstehen und sind nicht in der Lage, sich in sie hineinzuversetzen. Diejenigen, die von ihren eigenen Vorstellungen abweichen, werden verurteilt und abgewertet. Dies ist beispielweise der Fall bei Menschen, die sehr stark von einer Ideologie oder Religion indoktriniert sind.

Diese mentale Konstruktion kann sich auch in einer starken beruflichen Identifikation äußern. Solche Menschen leben hauptsächlich ihre professionelle Funktion. Da sie sich als lebendiges Wesen kaum mehr wahrnehmen, haben sie sich in diese Identität geflüchtet. Sie sind der Anwalt, der Arzt, der Intellektuelle oder Nerd ­ und sonst nichts. Auch im Privatleben sprechen und handeln sie oft wie in ihrem Beruf. Sie erfahren aufgrund ihrer Rolle einige Bewunderung, aber zufrieden sind sie häufig nicht. Oft empfinden sie eine innere Leere und Unsicherheit, die zu einer Krise führen kann. Einigen meiner Klienten ist es so ergangen.

Diese mangelnde Verbindung zu sich selbst, zu anderen und zur Welt ist in der Regel die Grundlage für viele Ängste und Zwänge, denn es stellt sich das Gefühl eines Kontrollverlustes ein. Wer nicht oder kaum fühlt, also keine innere Verbindung hat, kann den Eindruck bekommen, dass er keine Kontrolle hat. Es gibt Dinge, die sich seinem Einfluss entziehen und die ihn überraschen oder überwältigen können. So entsteht Angst.

Ein Zwang dient dazu, die vermeintlich verlorene Kontrolle wiederzuerlangen. Eine Handlung wird so oft wiederholt, bis sie gefühlt wird. Es wird an der Tür gerüttelt, bis sich die Gewissheit einstellt, dass sie zu ist. Etwas wird so lange geputzt, bis sich das Gefühl einstellt, es ist sauber. Zwangsgedanken haben oft einen aggressiven Inhalt oder drehen sich darum, dass etwas Schlimmes verhindert werden soll: „Wenn ich dies nicht tue, dass passiert jenes.“ Daraus resultieren wiederum Zwangshandlungen, die die Kontrolle wieder herstellen sollen.

Wer sich nicht fühlt, hat in der Regel Probleme sich zu entscheiden. Wir können eine Entscheidung nur dann als gefällt wahrnehmen, wenn wir sie fühlen und zu ihr stehen können. Sie muss sich richtig anfühlen. Das ist meist wichtiger als das vernünftige Abwägen der Fakten. Es gibt also viele gute Gründe, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken.

Was ist geschehen, wenn Selbstbewusstsein fehlt?

Die Wurzeln des mangelnden Selbstbewusstseins gehen fast immer bis in die Kindheit zurück. Das Kind wuchs in einer Umgebung auf, in dem seine Wahrnehmung, Gefühle und Bedürfnisse in Frage gestellt wurden. Dadurch erlebte es einen inneren Konflikt. Kinder sehen die Erwachsenen als absolute Autorität an, weil sie ja in jeder Beziehung von ihnen abhängig sind. Zuneigung von den Eltern zu bekommen ist für sie existenziell wichtig. Kommen nun von den Erwachsenen Aufforderungen, Erwartungen, Feststellungen oder Bemerkungen, die dem eigenen Erleben des Kindes widersprechen, erlebt es einen Konflikt.

Beispiel: Das Kind ist gestürzt und hat sich das Knie aufgeschlagen, was natürlich weh tut. Der Vater sagt: „Och, das ist nicht schlimm.“ Er sagt das vielleicht mit der guten Absicht, es zu beruhigen. Nun hat das Kind einen Konflikt, denn es erlebt etwas völlig anderes, nämlich einen großen Schmerz, der ihm vielleicht auch Angst macht. Da es aber mehr dem Vater glaubt als sich selbst, unterdrückt es den Schmerz und trennt sich von ihm ab, weil  es annimmt, dass seine Wahrnehmung falsch ist.

Wenn die Erwachsenen dem Kind immer wieder sagen, was es tun, fühlen, denken oder empfinden soll, oder sie es nicht annehmen, wie es ist, versucht das Kind, eine Lösung für seine erlebten Konflikte zu finden. Es passt sich an. Das haben wir alle erlebt. Wir alle haben Einflussnahme auf unser inneres Erleben erfahren und wurden dazu gebracht, Dinge zu tun, die wir nicht tun wollten. Uns wurde beigebracht, was gesellschaftlich erwartet wird oder welches Verhalten richtig ist. Mittlerweile sind wir daran gewöhnt, denn wir haben uns angepasst und im Rückblick erscheint das nicht so dramatisch. Doch für das Kind sind dies massive Eingriffe. Es erlebt in diesem Moment große Enttäuschung, Zurückweisung, Verletzung oder Schmerz.

Um diese Anpassungsleistung zu erbringen, war es notwendig, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse hintenanzustellen oder gar ganz zu verleugnen. Der Grad der Anpassung ist natürlich individuell unterschiedlich. Er kann jedoch bis zur vollständigen Dissoziation gehen: Das heißt, der Mensch hat kaum mehr Verbindung mit sich selbst. Die Selbstwahrnehmung ist massiv eingeschränkt. Er ist tief verletzt. Um diesen Schmerz nicht zu fühlen, hat er sich völlig von sich selbst abgespalten. Er verharrt sein Leben lang in einem Alarmzustand, aus dem er nicht zurückfindet. Emotionaler oder körperlicher Missbrauch etwa kann dies auslösen. Dysfunktionale Eltern geben ihre ungelösten Verletzungen an ihre Kinder weiter.

Was tun, wenn Selbstbewusstsein fehlt?

Fast alle Probleme, mit denen meine Klienten in die Sitzungen kommen, haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit und haben mit der Anpassung an die Umgebung ihrer Kindheit zu tun. Natürlich sind es nicht immer nur die Eltern, die Fehler gemacht haben. Auch beispielsweise Verwandte, Spielkameraden, Mitschüler oder Lehrer können große Verletzungen durch ihr Verhalten auslösen. Meistens geschieht dies ja nicht böswillig, manchmal unüberlegt, oft sogar in bester Absicht. Wir leben nicht in einer idealen Welt mit idealen Menschen. Bis zu einem gewissen Maß hinterlassen solche Erfahrungen keine bleibenden Schäden.

Wird dieses individuell unterschiedliche Maß jedoch überschritten, wird dies meist spätestens im Erwachsenenalter spürbar, indem sich unerwünschte und einschränkende innere Zustände einstellen. Dies können in verschiedenen Graden auftretende Ängste, Depressionen, Zwänge oder Süchte sein. Oder einfach ein diffuses Unwohlsein, eine Krise oder eine innere Leere. Solltest du so etwas bei dir bemerken, ist es nicht sinnvoll, die Schuld bei anderen zu suchen und sich darauf auszuruhen, eine schwere Kindheit gehabt zu haben. Jetzt ist es wichtig, Verantwortung für diese inneren Zustände zu übernehmen und sich Hilfe zu suchen.

In der Therapie werden die ersten Schritte sein, die alten Verletzungen zu heilen. Es sollte auf eine Weise geschehen, dass die Ereignisse erinnert werden können, ohne dass dies schmerzt oder unangenehme Gefühle erzeugt. Diese Gefühle gehören in die Vergangenheit und brauchen in der Gegenwart nicht immer wieder aktiviert zu werden. So wird es immer leichter, mit seiner Selbstwahrnehmung in den Körper zurück zu kommen und seine tatsächlichen, aktuellen Gefühle und Bedürfnisse zu fühlen. Das Körperbewusstsein nimmt zu, bis es sich gut anfühlt, mit sich selbst in Verbindung zu sein und die eigene Lebendigkeit zu fühlen. Sport und Körperübungen können diesen Prozess unterstützen.

Stimmigkeit erleben

Du kannst selbst definieren, wer du sein willst, was du erleben und fühlen möchtest. Die Zeit, in der du von anderen abhängig bis, ist vorbei. Schüttelst du die Stimmen und Erfahrungen der Vergangenheit ab und kommst in der Gegenwart an, erfährst du Stimmigkeit mit dir selbst und der Welt. Wenn Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstbewusstsein im Innern verwirklicht sind, können sie auch im Außen erfahren werden. Das Vertrauen in andere Menschen und die Welt kehrt zurück. Du erfährst den Wert des Lebens und kannst dich von ihm berühren lassen. Die Zweifel nehmen ab und die Selbstbestimmung zu. Mit dem Selbstbewusstsein nimmt dein Bewusstsein für alles um dich herum zu, und du kannst wahrnehmen, was tatsächlich ist. Damit öffnet sich ein Raum, der sich mit, wie ich es nenne, grundloser Daseinsfreude füllen kann.

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So klappt eine liebevolle und stabile Beziehung

Wünschst Du Dir eine Beziehung, die viele Jahre oder sogar bis zum Lebensende hält? Was ist wichtig, damit eine Partnerschaft stabil bleibt? Eine Beziehung durchzuhalten kann hart sein. Manchmal scheint es leichter, sich zu trennen und mit jemand anderen neu anzufangen. Doch der Preis, den Du hierbei zahlst kann hoch sein. Dieser Artikel gibt Dir Antworten, was wichtig für eine erfüllende und stabile Beziehung ist. (Er ist der Lesbarkeit wegen in der männlichen Form geschrieben, alle Geschlechter sind jedoch im gleichen Maß angesprochen.)

Warum sollte eine Partnerschaft überhaupt über Jahre halten? Man kann doch den Partner wechseln, wenn es nicht mehr richtig läuft, oder? Klar kann man das. Und für junge Menschen ist es wichtig, mehrere Partner intensiv und intim kennenzulernen. Die Erfahrungen hieraus können dann die späteren Partnerschaften nachhaltig festigen. Irgendwann stellt sich jedoch nach mehreren Beziehungen und Erfahrungen mit verschiedenen Partnern oft Unzufriedenheit ein. Immer wieder müssen wir von vorne anfangen und wir bekommen nicht das, was wir uns eigentlich wünschen. Der Wunsch nach etwas Verbindlichem, etwas, dass uns etwas bedeutet, wird größer.

Bindung erfahren

Ein ganz elementares menschliches Grundbedürfnis ist die Erfahrung von Bindung. Da Menschen soziale Wesen sind, wollen sie nicht allein sein. Wir wollen dazugehören. Natürlich kann eine tiefe Bindung auch über eine intensive Freundschaft erlangt werden, doch das ist eher selten. Die meisten Menschen spüren eine gewisse Sehnsucht danach, sich an einen Partner zu binden.

Das Nervensystem steuert aufgrund seiner evolutionären Ausprägung mit den Hormonen unsere Bedürfnisse. Es ist darauf angelegt, uns als Individuum, aber auch als Menschheit zu bewahren. Daher möchten wir uns paaren. Zum einen natürlich, um die Art zu erhalten. Unsere Entwicklungsgeschichte hat uns aber auch gelehrt, dass wir es  mit anderen zusammen leichter haben, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Diese Grundprägung wirkt in allen von uns. Dabei ist es heute jedoch aufgrund unserer Gesellschaftsstruktur und den wirtschaftlichen Bedingungen so leicht ist wie nie, als Einzelwesen zu überleben.

Der Wunsch nach einer festen Beziehung

Die wirtschaftliche und soziale Freiheit, die wir genießen, ermöglicht jedem seinen eigenen Weg zu finden und die Beziehungsform frei zu wählen, die zu ihr oder ihm passt. Das gibt Raum zu experimentieren und sich selbst zu erproben, was natürlich auch herausfordernd und verwirrend sein kann. Aus dem Bedürfnis nach Stabilität und Sicherheit entwickeln die meisten einen Wunsch nach einer festen Beziehung.

Irgendwann geht es uns einfach auf den Keks immer wieder neu anzufangen. Den anderen immer wieder neu kennenzulernen, die Parameter der Beziehung neu abzustimmen und in immer wieder neue Fettnäpfchen zu treten. Es kommt der Zeitpunkt, da wollen wir es ruhiger angehen. Unser Gehirn mag zudem zu viel Aufregung auf Dauer aus ökonomischen Gründen nicht, denn der Energiebedarf ist dann so hoch, dass es den größten Teil des Blutzuckers verbraucht. Und wir treten irgendwann in eine Lebensphase, in der andere Lebensschauplätze viel Energie fordern, dann soll nicht auch noch die Beziehung anstrengend sein.

Wir möchten Vertrauen, Vertrautheit und größere Tiefe erlangen. Wir möchten uns fallen lassen und uns in die Beziehung hineinentspannen. Sie soll uns stärken und unterstützen, statt aufzuregen und Ressourcen zu kosten. Dazu brauchen wir natürlich einen passenden Menschen. Je mehr Du dabei mit Dir selbst in Verbindung bist, zu Dir selbst stehst und idealisierte romantische Vorstellungen fallen lässt, umso leichter hast Du es, einen Partner zu finden.

Tipp #1: Serien und Spielfilme sind kein gutes Vorbild

Ich beobachte in Sitzungen mit meinen Klientinnen und Klienten oft, dass sie romantische Vorstellungen von Liebe und Beziehung haben, die recht realitätsfern ist. Oft sind sie von Romanen, Serien und Filmen beeinflusst zu sein. Doch wir bewegen uns nicht in dieser Plastikwelt. Eine realistische und funktionierende Beziehung gibt es nur in der Realität. Kopien von Filmszenen und das Nachsprechen von Phrasen funktionieren nicht. Daher lass Deine zuckersüßen Träume und rosaroten Vorstellungen ziehen und schau Dich selbst realistisch an. Du höchstpersönlich bist hier gefragt. Was willst Du wirklich? Wozu bist Du tatsächlich in der Lage? Was bist Du bereit zu geben und aufzugeben? Was sind Deine wahren Bedürfnisse? Vergiss dabei Dinge, die auf Status oder Äußerlichkeiten beruhen. Nur eine innige Beziehung kann auf Dauer halten und die lässt sich nicht auf Fiktion gründen.

Tipp #2: Sei Du selbst, von Anfang an

Viele versuchen zum Anfang einer Beziehung oder zu deren Anbahnung einen besonderen Eindruck zu hinterlassen. Sie brezeln sich auf, verhalten sich anders als sonst und versuchen im besten Licht zu erscheinen. Diese vorgespielten Identitäten lassen sich jedoch nicht über Monate oder gar Jahre aufrechterhalten. Irgendwann scheint Deine wahre Natur durch und wird sichtbar. Das kann leicht zu Enttäuschungen und Konflikte führen und eine baldigen Trennung mit sich bringen. Daher sei von Anfang an Du selbst. Versuche nicht jemanden darzustellen, der Du nicht bist, denn hierbei ist die Gefahr groß, dass Dein Gegenüber nicht der- oder diejenige ist, der/die zu Dir passt. Menschen, die sich echt zeigen, mit ihren Makeln und Schwächen finden eher einen passenden Partner. Niemand ist perfekt. Das braucht natürlich Mut und Selbstehrlichkeit, doch so ziehst Du Menschen an, die Dir entsprechen und mit denen Du eine authentische Beziehung führen kannst.

Tipp #3: Respekt, Akzeptanz und Wertschätzung

Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es meiner Beobachtung nach jedoch nicht immer: Sei gegenüber Deinem Partner immer respektvoll. Akzeptiere seine Schwächen und schätze ihn so, wie sie/er ist. Dies sollte die Grundlage eurer Beziehung sein. In einer Beziehung gibt es Krisen oder Streit, da kann das schon mal sehr schwer fallen, dies aufrecht zu erhalten. Es sollte jedoch euer Konsens sein, zu dem Ihr nach oder während einer Auseinandersetzung möglichst schnell wieder zurückfinden könnt.

Aufgrund von antrainierten Verhaltensweisen neigen manche Menschen dazu, Macht und Kontrolle auszuüben, um ihre eigenen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. Auch in Beziehungen. Dabei manipulieren Sie den Partner dazu, Dinge zu tun oder nicht zu tun oder sich in einer gewünschten Weise sich zu verhalten. Das ist tödlich für eine Beziehung und respektlos. Wenn Du das tust, bist Du nicht in der Lage, Deinen Partner so anzunehmen, wie er ist. Du merkst es daran, dass Du ihn oft kritisierst, keine herzliche Verbindung zu ihm fühlst, Dich über seine Wünsche hinwegsetzt oder ihn gar abwertest. Diese Verhaltensweisen solltest Du unbedingt bearbeiten und ablegen.

Tipp #4: Habt keine Geheimnisse voreinander

Jeder Mensch braucht seine Privatsphäre und seinen Freiraum. Auch in einer Beziehung. Es ist wichtig, manchmal die Türe hinter sich zuzumachen und für sich selbst zu sein. Hier können wir Kraft schöpfen, unsere Dinge ordnen und uns selbst definieren. Was in dieser Sphäre geschieht dürfte Dein Partner erfahren, muss er aber nicht. Hast Du jedoch Geheimnisse, von denen Dein Partner auf keinen Fall erfahren darf oder Du denkst, dass es Dich beschämt würde, falls er davon erfährt, dann besteht Handlungsbedarf.

Diese Geheimnisse sind Anteile Deiner Persönlichkeit, die Du verbirgst und die Du der Beziehung vorenthältst. Sie beschädigen so die Verbindung, denn Du klammerst absichtlich Anteile von Dir aus. Das schafft Distanz. Die Beziehung kann jedoch nur dauerhaft funktionieren, wenn Du Dich vorbehaltslos anvertrauen kannst. Das ist ja schließlich Sinn einer Beziehung, einen bedingungslosen Rückhalt und Rückzugsort zu haben, der Dich stärkt und in dem Du schwach und fehlerhaft sein darfst.

Hast Du ein Geheimnis vor Deinem Partner, Deiner Partnerin? Dann solltest Du Deinem Mut zusammen nehmen und Dich offenbaren. Das muss nicht sofort sein. Bereite Dich vor. Wenn Du Ängste hast, die damit verbunden sind, sprich zuerst mit Deinem Partner über diese Ängste. Bereite so auch Deine Partnerin oder Deinen Partner darauf vor. Es kann gut sein, dass das, was Du mitzuteilen hast gar nicht so schlimm empfunden wird. Es kann aber auch sein, dass eure Beziehung einer schweren Prüfung unterzogen wird. Es ist auf jeden Fall besser sich zu offenbaren und das Geheimnis aufzudecken. Du wirst die Last los. Etwas, das euch auf Distanz hält fällt weg und eure Beziehung wird inniger.

Du kannst gegebenenfalls auch überlegen, einen Freud, der euch beiden gleich nah steht, um Hilfe zu bitten. Es gibt auch Beziehungscoachs oder Therapeuten, die helfen können. Besprich mit ihr oder ihm Deine Situation. Am wichtigsten ist es, Deine Bedenken und Ängste zuerst zu klären. Dann setzt ihr euch zu dritt zusammen.

Tipp #5: Redet miteinander

Sprachlosigkeit ist das Schwarze Loch einer Beziehung. Es saugt alles in sich auf, entzieht der Beziehung die Lebendigkeit, bis ihr nur noch nebeneinander her lebt und in Routinen erstickt. Beide wissen nicht mehr, was im anderen vorgeht und das Zusammensein basiert nur noch auf Vermutungen. Miteinander zu reden bedeutet, dass Du mitteilst, was Du erlebt hast, wie Du Dich fühlst, was Dir wichtig ist, was Du Dir wünschst, was Deine Bedürfnisse sind, worüber Du nachdenkst und was Dich beschäftigt. Aber auch: den anderen zu fragen, wie es ihm geht, wie er sich fühlt und so weiter. Du wirst staunen, wie gut das auf eure Beziehung wirkt. Benutzt auch häufig das Wort „wir“. Untersuchungen haben gezeigt, dass das die Verbundenheit stärkt.

Regelmäßige Paargespräche können extrem hilfreich sein. Dazu reserviert ihr euch wöchentlich einen festen Termin, um absichtsvoll miteinander zu reden. Dabei gibt es bestimmte Regeln zu beachten. Wie das genau geht kannst Du hier nachlesen.

Tipp #6: Berührt euch und schaut euch in die Augen

Im Laufe einer Beziehung und im Trubel es Alltages kann es leicht geschehen, dass Berührungen seltener werden. Dabei sind Berührungen so wichtig! Bei liebevollem Körperkontakt wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das in uns ein Gefühl der Verbundenheit und Fürsorglichkeit erzeugt. Das gleiche geschieht auch, wenn ihr euch länger, liebevoll in die Augen schaut. Also berührt euch oft, kuschelt miteinander, umarmt euch auch bei der Begrüßung und Verabschiedung, streichelt euch und seid nett zueinander. Schaut euch in die Augen!

Tipp #7: Erschafft eine gemeinsame Ausrichtung

Als Paar ist es sehr gut eine gemeinsame Ausrichtung zu haben, die über „wir wollen zusammen sein“ hinausgeht. Natürlich ist eine Paarbeziehung ein Projekt, das einige Arbeit erfordert. Vor allem, wenn ihr euch gar nicht darüber klar seid, was ihr eigentlich wollt. Habt ihr schon einmal bewusst eure Vorstellungen über eure Beziehung abgeglichen? Gemeinsame Ziele stärken eine Beziehung enorm. Wie ihr eine solche Ausrichtung erschaffen könnt, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Tipp #8: Immer wieder für die Beziehung entscheiden

Sich füreinander als Lebenspartner zu entscheiden oder gar bis zum Lebensende zusammen sein zu wollen, ist ein großes Vorhaben. Das ist kein Selbstläufer. Im Laufe der Jahren ereignen sich viele Veränderungen: persönliche, gesellschaftliche, berufliche und wirtschaftliche. Änderungen von Interessen und Wichtigkeiten, persönliche Entwicklungen, das Durchlaufen verschiedener Lebensphasen, Kinder, körperliche Veränderungen, einschneidende Ereignisse, Erfahrungen und Begegnungen, Krankheiten und so weiter stellen ziemliche Anforderungen an eure Beziehung.

Die Ereignisse und Veränderungen müssen aktiv in die Beziehung integriert werden. Gerade, wenn sie eher einen Partner betreffen, solltet ihr darüber reden. Wenn einer die Wandlungen des anderen nicht nachvollziehen kann, alleine, weil er keine Kenntnis davon hat, entsteht leicht eine Distanz, möglicherweise unbeabsichtigt. Werden solche Dinge absichtlich nicht geteilt, entstehen Geheimnisse, die, wie beschrieben, üble Wirkungen auf die Beziehung haben. Beide Partner müssen übereinander informiert blieben.

Es ist gut, wenn jede Veränderung und Entwicklung von beiden Partnern getragen wird. Gleichgültig, ob es kleine oder große Veränderungen sind, es steht immer wieder die Frage im Raum, wie sie sich auf die Beziehung auswirken und ob die Beziehung gar unter den neuen Bedingungen weitergeführt werden kann. Du musst Dich immer wieder neu für die Beziehung entscheiden. Dabei werdet Ihr euch immer wieder neu und in einer größeren Tiefe kennenlernen.

Tipp #9: Arbeitet an euch

Je persönlicher, tiefer und intimer eine Beziehung wird, desto tiefere Muster werden in Dir getriggert. Ich meine hierbei Muster, die definieren, wie Du fühlst, denkst, reagierst und handelst. Sie stammen in der Regel aus Deiner Vergangenheit und funktionieren manchmal gut, manchmal sind sie einfach nicht mehr passend. Das merkst Du daran, dass es Dir nicht gut geht. Du Dich verletzt fühlst oder überfordert, unsicher, verwirrt, orientierungslos, wütend, traurig und so weiter. Natürlich treten diese Gefühle immer wieder mal auf. Sie lösen sich in der Regel auf, wenn die Ursache geklärt ist.

Doch wenn Du beobachtest, dass die Gefühle immer wieder auftreten, ihr immer wieder in Bezug auf dieselbe Sache in Konflikt geratet oder mit einem bestimmten Thema nicht weiterkommt, dann kannst Du davon ausgehen, dass ein persönliches Muster beziehungsweise ein Verhaltensprogramm in Dir aktiv ist, das aus Deiner oder eurer Vergangenheit stammt und nicht mehr zu eurem aktuellen Leben passt. Bearbeitet ihr diese Muster, Verhaltens- oder Denkweisen, lösen sie sich auf und ihr erlebt in eurer Beziehung eine Verbundenheit, Lebendigkeit und Tiefe, die ihr bis dahin nicht gekannt habt. Holt euch gegebenenfalls Hilfe dazu.

Tipp #10: Scheitern der Beziehung als Option annehmen

Mit der Beziehung zu scheitern, ist immer eine Möglichkeit. Ich kenne einige Paare, die das nicht wahrhaben wollen und ein Scheitern als persönliches Versagen ansehen. Manche sagen, ich kann mich doch nicht scheiden lassen, ich habe doch ein Versprechen abgegeben, das ich nicht brechen darf. Der Anspruch, sich niemals zu trennen, kann eine Beziehung ersticken und sie in einem Panzer erstarren lassen. Dieser Panzer besteht in der Regel aus Angst und hat zur Folge, dass sich die Partner zu sehr anpassen. Sie trauen sich nicht mehr mitzuteilen, was sie tatsächlich bewegt und was los ist.

Man möchte den anderen ja nicht verärgern oder nicht immer wieder in dieselben Konflikte provozieren (siehe oben). Quellen der Unzufriedenheit entstehen, da grundsätzliche Themen nicht angesprochen und geklärt werden. Es stellt sich eine lauwarme Umgangsform ein, die bestenfalls Raum für ein seichtes Nebeneinander lässt. Routine bestimmt den Alltag, von Lebendigkeit und Begeisterung füreinander keine Spur. Reinigende Gewitter bleiben aus. Für den Fall, dass sich ein Partner nicht mehr um die Beziehung kümmert, habe ich diesen Artikel geschrieben.

Wenn die Trennung eine mögliche Option bleibt, bewahrt dies die Lebendigkeit und Offenheit innerhalb der Beziehung. Es besteht für beide Partner die „Gefahr“, dass sich der andere trennt. Oder es wird jedenfalls nicht völlig ausgeschlossen. Dadurch haben beide ein größeres Interesse daran, sich in die Beziehung einzubringen und sich um die Bedürfnisse des anderen zu kümmern. Die Partnerschafft erhält eine größere Dynamik und Lebendigkeit. Die Chance, dass beide erhalten, was sie sich von der Beziehung wünschen, steigt.

Tipp #11: Holt euch Hilfe

Falls ihr aus eigener Kraft mit irgendwelchen Problemen, Konflikten oder Themen in eurer Beziehung nicht weiterkommt, holt euch Hilfe! Manchmal habe ich den Eindruck, es ist für viele schwerer, Hilfe für persönliche Angelegenheiten in Anspruch zu nehmen, als einen Klempner, Arzt, Anwalt oder Steuerberater aufzusuchen. Dabei ist das gerade in diesem Bereich, von dem Deine Lebensfreude und -qualität so wesentlich abhängt, wichtig und effektiv. Es geschieht nicht selten, dass ich nach einer Sitzung ein Bedauern höre, dieses Thema nicht schon früher geklärt zu haben. Der Aufwand ist auch gar nicht so groß, wie viele denken.

Hast Du auch den Anspruch, Deine inneren Probleme selbst lösen zu wollen? Das ist keine sinnvolle Haltung, denn die Probleme bestehen ja gerade deswegen, weil Du keinen funktionierenden Lösungsansatz hast. Es ist konstruktiv und sehr erleichternd, sich an professionelle Helfer zu wenden, denn sie haben wirkungsvolle Werkzeuge und Wege sowie eine Perspektive, die unabhängig ist. Melde Dich, wenn Du mehr Klarheit, Verbindung und Lebendigkeit in Deiner Beziehung wünschst!

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Jeder Mensch ist traumatisiert. Das mag übertrieben klingen, ist es aber nicht. Meist verbinden wir den Begriff „Trauma“ mit Katastrophen, Gewalterfahrungen oder Unfällen. Doch es gibt auch viel subtilere Traumata. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet Verletzung. Wir sind alle verletzt, denn die Welt, in der wir leben, ist nicht ideal und die Menschen mit denen wir groß wurden, auch nicht. In diesem Artikel geht es um die beiden grundlegenden Trauma-Arten und was wir tun können, um uns von ihnen zu befreien.

Das Schocktrauma

Zum einen gibt es das Schocktrauma, das in der Regel durch einzelne Ereignisse ausgelöst wird. Das kann ein Unfall, eine Gewalterfahrung, ein Übergriff durch eine andere Person, ein Verlust eines geliebten Menschen, lebensbedrohliche Situationen oder ähnliches gewesen sein. Diesen Situationen ist gemein, dass sie sehr starke, wenn nicht gar überwältigende Gefühle hervorgerufen haben, die zu Überforderung oder Verzweiflung geführt haben. Sie waren zu verwirrend, zu intensiv, zu schmerzhaft oder zu bedrohlich, sodass der Betroffene seine bewusste Wahrnehmung von seinem Körper getrennt hat und geistig „ausgestiegen“ ist.

Dieser Schutzmechanismus soll dabei helfen, solche Situationen zu überleben und grundlegend funktionsfähig zu bleiben, um die Situation irgendwie bewältigen oder verlassen zu können. Nachdem das Ereignis überstanden ist, sollte das Selbstempfinden wieder normal werden. Doch das geschieht nicht immer, es bleiben Spuren zurück, vor allem, wenn die Situation nicht „durcherlebt“ wurde. Bewertungen oder Widerstand gegen das Erlebnis und gegen die entstandenen Gefühle vermeiden die Integration des Geschehenen und die emotionale Belastung wird nicht abgebaut.

Das Entwicklungstrauma

Zum anderen gibt es das Entwicklungstrauma. Es resultiert aus Erfahrungen, die Menschen immer wieder machen, während sie heranwachsen. Es entsteht überwiegend durch Unterbrechungen in der Bindung, die das Kind mit seinen Bezugspersonen immer wieder erleidet und die es zutiefst verletzen. Die auslösenden Momente scheinen oft ganz normale Situationen zu sein und sie fallen oft gar nicht auf, weil wir an sie gewöhnt sind. Unsere eigenen Traumaerfahrungen machen uns blind für sie, daher werden sie meist von Generation zu Generation weitergetragen. In diesem Artikel soll überwiegend von dieser Art Trauma die Rede sein.

Der ganz normale Wahnsinn

Ich habe einmal die folgende Szene in einem Park erlebt: Ein kleines Kind, das noch etwas unsicher auf seinen Beinen ist, läuft auf einen Teich zu. Es ist völlig begeistert von den Enten. Die Mutter, auf der Bank sitzend, bekommt erst mit, dass sich das Kind selbstständig gemacht hat, als es noch 30 Meter vom Wasser entfernt ist. Es bestand also noch keine Gefahr. Die Mutter rennt hinterher, schreit auf das Kind ein und schlägt es auf den Po.

Was wird das Kind daraus lernen? 1. Es ist nicht gut, impulsiv zu sein. 2. Wenn ich neugierig bin, droht Liebesentzug (Bindungsverlust). 3. Die Welt ist gefährlich. 4. Wenn ich etwas tue, das mir große Freude bereitet, werde ich bestraft. Und so weiter. Natürlich reagierte die Mutter aus Sorge um das Kind, doch jedem von uns fällt bestimmt mindestens eine Lösung ein, wie sie mit der Situation besser hätte umgehen  können.

Traumatisierte Eltern geben ihre Traumata an ihre Kinder weiter

Vielleicht konnte die Mutter nicht schwimmen und hat Angst vor Wasser? Oder sie hatte Sorge, als schlechte Mutter da zu stehen, wenn das Kind in den Teich gefallen wäre? Möglicherweise war sie über ihren Kontrollverlust erschrocken? Oder sie hat selbst gelernt, dass es sicherer für sie ist, ihren Impulsen nicht zu folgen? Vielleicht hat sie auch eine Phobie vor Enten? Wer weiß?

Klar ist jedenfalls, dass diese Mutter mit der Situation nicht souverän und erwachsen umgegangen ist. Sie hat ihre eigenen Prägungen, Erfahrungen, Überzeugungen oder Ängste auf ihr Kind übertragen. Hätte sie diese vorher geklärt, wäre das für das Kind besser gewesen.

Weitere Beispiele: Ein Mädchen möchte morgens selbst entscheiden was es anzieht. Es sucht sich Sachen aus seinem Schrank und ist dabei sie anzuziehen. Die Mutter sagt dem Mädchen jedoch, dass die Sachen nicht zusammenpassen und dass man sie in dieser Kombination nicht trägt. Sie zieht das Kind wieder aus und steckt es in andere Kleidungsstücke. Was meinst Du, was in dem Kind vor sich geht? 1. Ich darf nicht selbst entscheiden. 2. Was ich entscheide, ist nicht gut. 3. Ich kann das nicht. 4. Andere bestimmen über mich. 5. Meine Wünsche interessieren nicht.

Ein Junge hat sich spontan entschlossen, ein Vogelhaus zu bauen. Er geht in den Keller, sucht sich Holz und Werkzeug zusammen und macht sich ans Werk. Nach einiger Zeit liegt ein ziemlich unförmiges Etwas auf der Werkbank und viele Nägel sind krumm gehauen. Der Vater kommt hinzu. Er sagt zu dem Jungen: „So macht man das nicht.“ Er nimmt dem Jungen das Werkzeug aus der Hand, macht eine Zeichnung und etwas später ist das perfekte Vogelhaus fertig. Was lernt der Junge? 1. Ich bin nicht gut genug. 2. Papa mag nicht, was ich mache. 3. Es ist nicht gut, es selbst zu versuchen. 4. Ich bin unbegabt. 5. Meine Idee war nicht gut genug.

Schon Säuglinge bekommen die Gefühle anderer Menschen bewusst mit. Ab etwa zwei Jahren möchten sie helfen, wenn sie bemerken, dass es anderen nicht gut geht. Aus Empathie möchten sie trösten und irgendetwas tun, damit es dem anderen wieder besser geht. So ergeht es auch dem kleinen Jungen im diesem Beispiel. Seine Mutter ist depressiv und es geht ihr die meiste Zeit nicht gut. Gute Laune spielt sie in der Regel vor. Der Junge merkt, dass ihr Fühlen und Handeln nicht zusammenpassen. Aus dieser Situation heraus möchte er helfen. Er ist lieb, um nicht selbst Anlass von Verstimmungen zu sein. Er passt sich an. Er lächelt die Mutter an. Er sucht Körperkontakt. Doch nach einiger Zeit bemerkt er, dass seine Bemühungen nichts bewirken. Er kommt zu folgendem Schluss: 1. Ich genüge nicht. 2. Ich kann Mutter nicht helfen. 3. Ich bin hilflos. 4. Sie nimmt meine Liebe nicht an, mit mir stimmt etwas nicht.

Den Kreislauf durchbrechen

Wenn solche Situationen nur selten auftreten, werden sie wohl keinen Schaden bei dem Kind oder Heranwachsenden anrichten. Doch die Eigenschaften und Muster der Eltern werden sich wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum nicht ändern – es sei denn, sie setzen sich bewusst mit ihnen auseinander – und die Kinder leben praktisch ununterbrochen in diesem Einfluss. Traumatisierte Eltern bringen traumatisierte Kinder hervor. Es kommt nicht selten vor, dass Kinder sich Verhaltensweisen aus empathischen Empfinden einfach abgucken und kopieren. Sie versuchen so zu helfen oder meinen, dass es normal ist so zu sein. Die Eltern sind schließlich ihre absoluten Orientierungsgrößen und Bezugspersonen. Das alles ist normal, denn wir leben nicht in einer idealen Welt mit idealen Menschen und idealen Eltern.

Jedes Mal, wenn die Autonomie eines Menschen verletzt wird, entsteht ein Trauma. Jedes Kind hat irgendwann aufgrund von menschlichem Verhalten immer wieder Frust erlebt und hat schließlich aufgegeben: seinen eigenen Gefühlen zu trauen, selbstständig zu sein, sich selbst zu vertrauen, sich sicher zu fühlen, anderen zu vertrauen, an sich zu glauben, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen oder mit seinem Körper in Verbindung zu sein.

Ja, uns geht es hier materiell sehr gut. Wir sind ganz gut versorgt. Und man könnte sich überlegen, ob in Anbetracht dessen, diese Gedanken nicht überzogen sind. Nein, sind sie nicht. Denn gerade unser Wohlstand und unsere Leistungsversessenheit erzeugen sehr viele dieser Probleme. Erfolgreich zu sein und viel Geld zu verdienen, die Maximen unserer Zeit, bringen noch lange nicht mit sich, dass die Menschen reflektiert und bewusst sind. Trotz aller Ratgeber und Selbstoptimierungsangebote, die konsumiert werden. Oft werden diese Angebote dazu verwendet, um noch bessere Leistungen zu bringen, noch effektiver der Wirtschaft zu dienen und von ihr zu profitieren, einen höheren gesellschaftlichen Status zu erlangen und schließlich ein guter Konsument zu sein.

Bindung ist das Wichtigste

Wir müssen aufhören, uns als Objekte anzusehen, die ständig verbessert werden müssen. Das gilt vor allem für unsere Kinder. Sie sind vollständig. Es muss nichts aus ihnen gemacht werden. Sie brauchen nur Schutz und den Raum, sich selbst zu erproben und Erfahrungen zu machen. Dann bleiben sie ganz von selbst gesunde, empathische, selbstständige, mit Selbstvertrauen und Lebendigkeit ausgestattete Menschen, die ihren Weg gehen, denn sie wurden bereits so geboren.

Das allerwichtigste, das ein Baby und ein kleines Kind braucht, ist Bindung. Das heißt, dass es sich von Anfang an geliebt, willkommen, zugehörig, akzeptiert, angenommen und richtig fühlt, indem die Eltern ihm dieses Gefühl geben. Das ist für traumatisierte Eltern jedoch nur schwer möglich. Wer an sich selbst zweifelt, kann kein Selbstvertrauen vermitteln. Schon der wiederholte Blick der Eltern, der Bestrafung, Überforderung, Kälte, Abwesenheit oder Ablehnung in sich trägt, macht dies zu Nichte. Von entsprechenden Handlungen ganz zu schweigen. Auch Inkongruenz, wenn das Gesagte nicht mit dem Gefühl oder Handeln übereinstimmt, löst starke Irritationen und Verunsicherung im Kind aus. Das Kind wird niemals seine Eltern in Zweifel ziehen, sondern immer sich selbst und daraus ein entsprechendes Selbstbild entwickeln.

Um die gesunde Entwicklung der Kinder sicherzustellen, und um unserer selbst willen, sollten wir also unser altes Zeug aufräumen. Es ist an der Zeit, diese menschlichen Katastrophen zu erkennen, die um uns herum und in uns selbst ständig geschehen. Wir müssen uns von ihnen frei zu machen! Wir sollten das große Privileg unseres Wohlstandes nutzen, um auch inneren Wohlstand, also Freiheit von Traumata und Verletzungen zu erreichen. Nur so können wir selbst, unsere Gesellschaft und letztendlich die Menschheit ihre Zerrissenheit überwinden und heilen.

Traumata heilen

Möglicherweise fragst Du Dich jetzt, wie Du das tun kannst. Der allererste Schritt ist zu erkennen, ob Du traumatisiert bist. Um es vorweg zu nehmen: Wenn Du noch nicht einige Zeit mit therapeutischer Hilfe an Dir gearbeitet hast, bist Du traumatisiert. Das ist die schlechte Nachricht.

Der nächst Schritt besteht darin festzustellen, ob Du einen Leidensdruck empfindest. Wenn ja, solltest Du dringend an Dir arbeiten. Nicht nur, weil Dein Leben dann besser und freudvoller wird, Du mit Dir selbst in Verbindung bist und die meisten Deiner Probleme verschwinden, sondern auch, um sicher zu gehen, anderen nicht auf den Keks zu gehen und um eine konstruktiven Beitrag zum Ganzen zu leisten.

Die gute Nachricht ist: grundsätzlich sind alle Traumata heilbar! Und es ist viel leichter, als Du denkst. Du musst es nur wollen. Es folgt eine unvollständige Liste von Zeichen dafür, dass Du traumatisiert bist. Das gilt auch, wenn Du sie in abgeschwächter Form wahrnimmst. Trifft eine Aussage zu, solltest Du Dich damit dringend auseinandersetzen. Der Nutzen wäre für Dich enorm.

Zeichen für Traumata:

  • Du kannst Dich nur schwer entspannen.
  • Du brauchst spezielle Substanzen, um Dich entspannen zu können.
  • Du kommst nicht zur Ruhe.
  • Du hast Einschlaf- oder Durchschlafprobleme.
  • Es gibt Dinge, über die Du nicht mit anderen sprechen kannst.
  • Du sagst Dinge, die sich widersprechen.
  • Du hast Geheimnisse.
  • Du empfindest einen Konflikt zwischen Denken und Fühlen.
  • Du bist innerlich angespannt.
  • Du findest keinen Lebenspartner, obwohl Du es möchtest.
  • Deine Beziehungen dauern nur kurze Zeit.
  • Du kannst in einer Beziehung nicht wirkliche Nähe zulassen.
  • Du findest nicht die richtigen Worte.
  • Du sprichst in Phrasen.
  • Du fühlst Dich unverstanden.
  • Das Fernsehen oder Radio läuft ständig.
  • Du hast unterwegs immer Stöpsel in den Ohren.
  • Du hast Ängste, ohne tatsächlichen Grund.
  • Du hast Angst vor bestimmten Dingen.
  • Du tust bestimmte Dinge zwanghaft.
  • Du kannst Dich nicht gut konzentrieren.
  • Du bist häufig unruhig.
  • Du hast Angst, Dich zu blamieren.
  • Du bist schüchtern.
  • Du traust Dir nur wenig zu.
  • Du bist übervorsichtig.
  • Du hast Ängste bezüglich der Zukunft.
  • Du fühlst Dich immer wieder erschöpft oder kraftlos.
  • Du bist aufbrausend.
  • Du möchtest immer Recht behalten.
  • Du bist hochsensibel.
  • Gedanken an die Vergangenheit belasten Dich.
  • Es treten immer wieder unerwünschte Gefühle auf.
  • Du fühlst Dich öfter niedergeschlagen.
  • Du bist häufiger antriebslos.
  • Dein Leben erscheint Dir fade.
  • Du freust Dich kaum.
  • Du empfindest eine innere Leere.
  • Du weißt nicht, wozu Du lebst.
  • Dein Leben scheint in einer Routine zu ersticken.
  • Du bist unsicher.
  • Du fühlst Dich falsch.
  • Du magst Dich nicht.
  • Du schämst Dich.
  • Du fühlst Dich schuldig.
  • Du neigst zu selbstschädigendem Verhalten.
  • Du fühlst Dich nicht dazugehörig.
  • Du fühlst Dich nicht wahrgenommen.
  • Du hast das Gefühl, Du hast wenig Einfluss auf Dein eigenes Leben.
  • Du hast das Gefühl Du hast generell zu wenig Einfluss.
  • Dir ist wichtig, was andere über Dich denken.
  • Du versetzt Dich oft in andere.
  • Dir fällt es schwer, zwischen Dir und anderen zu unterscheiden.
  • Du bist empathischer, als Du es möchtest.
  • Du erhältst nicht die Anerkennung, die Du Dir wünschst.
  • Du fühlst Deinen Körper kaum.
  • Du hast manchmal den Eindruck, neben Dir zu stehen.
  • Du hast kaum Zugang zu Deinen Gefühlen.
  • Du neigst dazu zu Intellektualisieren.
  • Es fällt Dir schwer, auf andere zuzugehen.
  • Du fühlst nur wenig Verbindung zu anderen Menschen.
  • Du hast wenig Selbstvertrauen.
  • Du betreibst ein Hobby exzessiv.
  • Du gehst beim Sport oder Hobby große Risiken ein.
  • Du bist immer auf der Suche nach einem Kick.
  • Du isst zu viel.
  • Du trinkst zu viel Alkohol.
  • Du arbeitest zu viel.
  • Du nimmst viele Medikamente.
  • Du nimmst Drogen.
  • Du rauchst.
  • Du kaufst zu viel.
  • Du spielst zu viel am Computer.
  • Du verbringst zu viel Zeit im Internet.
  • Du tust etwas in übertriebener Weise.
  • Es gibt Dinge, die Du nicht sein lassen kannst.
  • Du fühlst Dich in Deinen Entscheidungen nicht frei.
  • Du hast Schmerzen, ohne, dass eine körperliche Ursache gefunden werden kann.
  • Du fühlst Dich krank, ohne, dass eine körperliche Ursache gefunden werden kann.
  • Du bist oft krank.
  • Du hast Schwierigkeiten beim Sex.
  • Du folgst sexuellen Praktiken, die Du selbst nicht magst.
  • Deine Projekte gelingen nicht.
  • Es ist sehr schwer für Dich, Deine Ziele zu erreichen.
  • Du kannst Dich nur schwer entscheiden.
  • Dein Beruf erfüllt Dich nicht.
  • Du empfindest die Welt als bedrohlich.
  • Du bist oft im Alarmmodus.
  • Du hast wiederkehrende Gedanken, die Du nicht möchtest.
  • Du hast einen Unfall erlebt und Du denkst öfter daran oder träumst davon.
  • Dir ist Gewalt angetan worden.
  • Du wurdest zu etwas gezwungen, was Du nicht wolltest.
  • Wenn Du an Deine Abstammungsfamilie denkst, hast Du unangenehme Gefühle.
  • Du hast oft starke Konflikte in Deiner Familie.
  • Du fühlst Dich von bestimmten Menschen verletzt oder allein gelassen.

Fange bei Dir selbst an

Sich selbst zu hinterfragen und zu reflektieren braucht Mut. Wir müssen bereit sein, unseren dunklen Anteilen zu begegnen. Allen Mustern, die uns einschränken, uns unfrei machen, uns schaden und unsere Lebensfreude mindern, müssen verletzende Erfahrungen zu Grunde liegen. Freiwillig hätten wir sie uns nie zugelegt. Oft sind wir jedoch so sehr an sie gewöhnt, dass es uns schwer fällt, sie bei uns selbst zu erkennen. Wir haben sie verdrängt, damit sie uns nicht weiter belasten. Die Liste oben hilft Dir, Deine Baustellen zu erkennen.

Alle persönlichen Probleme, unerwünschten innere Zustände und Gefühle, jedes Unwohlsein entstammt grundsätzlich einer Traumatisierung. Vor allem, wenn es wiederholt auftritt. Jedoch nicht nur die persönlichen, auch alle gesellschaftlichen, nationalen und internationalen Probleme und Konflikte basieren auf individuellen Verletzungen, die nicht bearbeitet wurden. Je mehr Einfluss oder Macht ein Mensch hat, der traumatisiert ist und dies nicht bearbeitet hat, desto schädlicher ist seine Wirkung für die Welt. Dir fallen bestimmt spontan Beispiele dafür ein.

„Sei die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“ *

Möchtest Du in einer liebens- und lebenswerteren Welt leben? Dann sorge zuerst dafür, dass Deine eigenen Verletzungen heilen. Wenn Dich Dinge an Dir selbst und an Deinem Leben nerven, ändere das. Wenn Dich andere Menschen, Umstände oder Gegebenheiten ärgern, sind sie ein Spiegel für Deine eigenen Muster. Nutze alle Situationen, die Dir Unbehagen bereiten als Gelegenheit, mehr über Dich selbst zu erfahren und Klarheit über Dein Wesen zu erlangen.

Ich weiß, wie das menschliche Bewusstsein funktioniert und wie Traumata, Verletzungen und unerwünschte Muster geheilt werden können. Das zu vermitteln geht leider nicht in Blogartikeln, da die notwendigen Prozesse individuell sind. Einzelsitzungen bieten den Raum, Probleme spezifisch, effektiv und dauerhaft aufzulösen.  Du erhältst dabei auch Methoden, mit denen Du selbstständig arbeiten kannst.

Wenn Du selbst einigermaßen geklärt bist, wirkt schon Deine Anwesenheit positiv auf Deine Umgebung. Und wenn Du den anderen dann noch erzählst wie Du da hingekommen bist, stelle vorher sicher, dass sie es tatsächlich wissen möchten, dann trägst Du zu einer Gesellschaft bei, die lebenswert ist und in der jeder so sein kann, wie er ist, ohne Repressalien, Abwertungen oder Verletzungen erfahren zu müssen. Und vielleicht, eines Tages, ist dies auf der ganzen Welt so. Das ist mein tiefer Wunsch und utopischer Traum.

* (Mahatma Gandhi)

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