Das Ego

    Zugegeben, im letzten Artikel kam das Ego nicht so gut weg. Es stimmt, wenn wir Probleme haben, hat es mit ihm zu tun. Aber wer ein Ego hat, muss nicht automatisch Probleme haben. Jeder hat eines und er kann es niemals loswerden. Es ist nicht der Buhmann. Die Komplikationen haben einen anderen Grund. Betrachten wir zunächst einmal, was das Ego ist und warum es so schlecht da steht.

    Wie schon gesagt, jeder Mensch hat ein Ego, ein Ich oder ein Selbst. Die Begriffe sind austauschbar, Wortklauber mögen mir diese Unschärfe nachsehen. Jeder braucht eines, denn es ist sozusagen der Container unserer Persönlichkeit. Das eine Ego mag ausgeprägter als das andere sein, doch jeder Mensch hat Persönlichkeit, egal wie dumm, geklärt, erleuchtet oder fortgeschritten er sein mag.

    Das Ego ist die Summe aller unserer Überzeugungen. Eine Überzeugung ist ein Glaubenssatz, den wir für wahr halten. Zum Beispiel: „Das Leben ist gut zu mir.“ oder „Alles geht schief.“ und natürlich viele, viele mehr. Wir haben sie im Laufe unseres Lebens gesammelt und sie uns freiwillig oder aus Leidensdruck zu Eigen gemacht. Kultur, Prägung, Erziehung, Indoktrination, Ausbildung, Erfahrungen, Entscheidungen, Menschen, die wir ablehnten oder bewunderten waren dabei unsere Inspiration.

    Aus diesen Überzeugungen entstehen unsere Meinungen, Haltungen, Bewertungen, Standpunkte, unser Denken und Handeln. Sogar unsere Wahrnehmung hängt von ihnen ab. Sie sind so etwas wie ein Programm, eine Software, die uns steuert. Einige dieser Programme sind uns bewusst, andere nicht. Unabhängig davon sind sie wirksam.

    Das Ego hat sie gesammelt, weil es uns gut gehen soll. Es hat also eigentlich eine positive Funktion. Es schützt uns davor, Handlungen zu wiederholen, die uns schadeten und automatisiert Reaktionen auf Standardvorgänge, damit wir Aufmerksamkeit für andere Dinge frei haben.

    Alles wäre soweit in Ordnung, wenn wir nicht davon überzeugt wären, unser Ego zu sein. Diese Grundsatzentscheidung gibt ihm eine Macht, die seine Zuständigkeit vergrößert und zu Kompetenzüberschreitungen führt. Eine Schutz- und Hilfsfunktion wird damit zur Steuerzentrale.

    Es wendet Verhaltensweisen, die es in der Vergangenheit gelernt hat, auf die Gegenwart an. Wir nehmen dadurch nicht wahr, was im Moment tatsächlich ist. Begegnen wir einem Menschen, der uns an jemanden aus unserer Vergangenheit erinnert, verhalten wir uns ihm gegenüber unseren alten Mustern entsprechend. Die Nachbarin wird vielleicht bewertet, wie die aufdringliche Tante Elvira, die wir früher gar nicht gemocht haben. Oder der Partner wird aufgrund von Eigenschaften ausgewählt, die wir schon beim Vater toll fanden.

    Das Ego versucht die Vergangenheit immer wieder neu zu erschaffen. Kennen Sie es von sich, dass sich bestimmte Dinge im Leben zu wiederholen scheinen? Das Bekannte ist sicher und vertraut. Wir bevorzugen, was mir kennen und gehen dem Unbekannten, das möglicherweise eine Herausforderung bedeutet, aus dem Weg. Das führt dazu, dass wir Lebendigkeit verlieren und nicht mitbekommen, was tatsächlich geschieht. Außerdem sind wir darin eingeschränkt, frei eine angemessene Verhaltensweise zu wählen.

    Bezogen auf die Zukunft ist das Ego ebenfalls aktiv. Es projiziert unsere Erwartungen, Sorgen und Ängste auf das, was vor uns liegt. Zukünftige Ereignisse werden mit negativen oder positiven Gefühlen verknüpft, die dem, was dann wirklich geschieht gar nicht entsprechen. Wir nehmen vorweg, was noch gar nicht ist. Angst vor Prüfungen, Vorfreude auf den Urlaub oder die Sorge, das gleiche Desaster zu erleben, was wir in einer ähnlichen Situation schon einmal erlebt hatten.

    Vergangenheit und Zukunft existieren nicht. Wir leben immer im gegenwärtigen Moment. Niemand hat je in der Vergangenheit oder Zukunft gehandelt. In der Gegenwart erinnern wir uns an die Verletzung aus der Vergangenheit oder malen uns aus, wie die Zukunft sein wird. So erschaffen Gedanken Zeit und hindern uns daran zu erleben, was jetzt gerade ist. Wir leben in einer Gedankenwelt, statt den frischen, unmittelbaren, nie dagewesenen Moment zu genießen.

    Während es uns überschützt erleiden wir herbe Realitätsverluste und es erzeugt Automatismen, die unsere Spontanität und Lebendigkeit sabotieren. Ein sinnvolles Prinzip wendet sich gegen uns. Wir ermächtigen es durch den fahrlässigen Gedanken, dass wir das Ego, die Person, seien. Wir haben es so von anderen vorgemacht bekommen, es ist so üblich. Wir haben es nachgemacht. Daher ist es normal. Schauen Sie sich in der Welt um, wohin uns diese Identifikation gebracht hat.

    Die Substanz des Egos ist lediglich ein Gedanke: „Ich bin (hier bitte Ihren Namen einsetzen)“. Das Ego „weiß“ um die Flüchtigkeit dessen, woraus es gemacht ist. Es ist bestrebt sich zu erhalten. Wie jedes Geschöpf, erschaffen aus unserer Gedankenkraft, kämpft es raffiniert und engagiert um sein Überleben. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ohne sich mit seiner Person zu identifizieren lebt es sich viel besser und leichter.

    Das Ego ist ein selbsterhaltendes System. Aus seinen Erfahrungen der Vergangenheit und den Projektionen in die Zukunft erzeugt es angstvolle Gedanken. Gleichzeitig versucht es mit dem Verstand, der sein Werkzeug ist, Lösungen für diese Schwierigkeiten zu finden. Es liefert Probleme und gleich die Lösungen dazu. Scheinbar. Auf diese Weise verfestigt es unseren Glauben an uns als Person und das Ego erhält seine dringend benötigte Existenzberechtigung.

    Verstehen, Aufregung und Recht haben sind die Mittel die das Ego nähren. Verstehen, wie zum Beispiel Klatsch, Wissenschaften oder Insiderwissen, ist ein Instrument der Kontrolle. Wissen ist eben Macht. Aufregung gibt Wichtigkeit und ein Gefühl der Lebendigkeit. Erlebnisse, sozialer Status, Erfolg, Misserfolg, Ruhm, Unterhaltung, Sport, Sex, Streit und so weiter sind Möglichkeiten, die Persönlichkeit zu definieren. Sie wichtig, anders und interessant zu machen.

    Recht zu haben mit Meinungen, Haltungen und Überzeugungen liefert unmittelbare Selbstbestätigung. Dabei spielt es keine Rolle ob die Aussage objektiv richtig ist. Das Ego legt sich sein Glaubenssystem zurecht wie es nötig ist, um die Behauptung zu stützen. Das gilt für Lügner, Politiker und Wissenschaftler gleichermaßen, eigentlich für alle, die denken eine Person zu sein. Alle Aussagen gründen letztendlich auf Annahmen, die recht beliebig sind. Machen sie den Versuch und fragen Sie sich zu allen möglichen Dingen: Kann ich wirklich wissen, dass das wahr ist?

    Hinter all diesen Ego-Spielen steht letztendlich der Hunger nach Anerkennung und Bedeutung, die die Person für seine Existenz benötigt, weil sie selbst weiß, wie sehr zerbrechlich sie ist. Die meisten Selbstdefinitionen beginnen mit „Ich bin…“ oder „Ich habe…“. Haben Sie bei sich selber schon einmal beobachtet, dass sich Überzeugungen, Meinungen und Haltungen geändert haben? Ja sogar in das Gegenteil? Die Person ist ständigen Wandlungen unterworfen. Nichts an ihr ist stabil oder bietet einen verlässlichen Bezugspunkt, auch wenn wir es vielleicht gerne so hätten.

    Um sich ein derzeitiges Bild von sich selber zu machen, nehmen Sie sich vielleicht ein paar Minuten Zeit und vervollständigen Sie die Sätze „Ich bin…“ und „Ich habe…“ in Gedanken, oder besser auf dem Papier, bezogen auf alle erdenklichen Lebensbereiche:  Gesundheit, Körper, Beziehung/Familie, Qualifikation, Beruf, sozialer Status, Finanzen, Politik, Besitz, Werte, Kultur, Einstellungen, Geschlecht, Sexualität, Interessen, Hobbies, Talente, Fähigkeiten. Sie können diese Liste nach Belieben verlängern. Natürlich sind zu jedem Bereich Mehrfachnennungen möglich.

    Haben Sie diese Liste gemacht? Wenn ja, dürfte sie sehr lang geworden sein. Das wirklich wichtige und interessante dabei ist, dass diese Selbstdefinitionen, das „Ich bin…“ gleichzeitig ein „Ich bin nicht…“ mit sich bringt. Ganz automatisch. Das heißt also, dass das Ego eine Trennung zwischen Ich und Nicht-Ich zieht. Wenn ich dies bin, kann ich nicht das andere sein. Wenn ich dies mag, mag ich jenes nicht. Das ist wichtig, um mich als Person in der Welt zu definieren und das schafft Trennung.

    Neben dem Ringen nach Bedeutung ist die Trennung ein weiteres Ego-Dilemma. Der Mensch möchte dazu gehören. Es sei denn, er ist traumatisiert oder er hat aufgrund von Erfahrungen Persönlichkeitsanteile entwickelt, die Einsamkeit als Vorteil betrachten. Dies sind Muster, die sich über das ursprüngliche Bedürfnis legen, das im Untergrund weiterbesteht.

    Es sind die Gedanken, d.h. der Verstand, die Trennung erzeugen. Der Mensch ist in eine wohlmeinende Ganzheit eingebettet, der er nicht entfliehen, die er aber mit seinen Gedanken ausblenden kann. Ich bin dies und nicht das. Das ist der Grundgedanke. Er trennt sich und die Ganzheit fehlt ihm. Und ob er es weiß oder nicht, er sucht ständig danach. Meist nimmt er gar nicht mehr wahr, dass sein ganzes Sein darauf ausgerichtet ist.

    Diese Lücke, die die verlorene Einheit hinterlässt versucht er zu überbrücken. Die unterschiedlichsten Glaubenssysteme (Gedankenwerke) entstehen zu diesem Zweck: Religionen, Selbsterfahrung, Therapien, Esoterik, Meditationen, Philosophien oder Wissenschaften. Irgendwo muss doch zu finden sein, was tief im Inneren vermisst wird. Das Loch, das Gedanken gerissen haben, versucht er mit Gedanken zu füllen. Das klappt nicht.

    Das dritte Paradigma schafft bezüglich dieser Ego-Themen eine enorme Erleichterung, da es diese unglückliche Rückkopplungen auflöst, ohne dass das Ego bekämpft oder aufgegeben werden muss. Die getrennte Person gehört zur Ganzheit, sie ist ein Teil von ihr, wie die Geschichten, die sich durch sie und um sie herum entfalten. Es ist das ewige Spiel des Lebens. Würden diese Spiele funktionieren, wenn wir uns ihnen nicht mit dieser Ernsthaftigkeit hingeben würden? Wenn wir diese Vorstellungen als Illusion durchschauen würden? Nein. Wir lebten in einer Welt, in der sich Dinge ereignen würden, die weit über das hinaus gingen, wovon wir heute träumen.

    Das erste Paradigma ist vom Ego dominiert. Aus diesem Grund haben wir uns so ausführlich mit ihm beschäftigt. Im zweiten Paradigma wird es als das, was es ist, erkannt. Ganz neue Möglichkeiten eröffnen sich.

    Ulrich Heister

    Ulrich Heister

    Ich arbeite mit Menschen, die etwas verändern wollen: in ihrem eigenen Leben, in ihren Beziehungen oder am Arbeitsplatz. Sie wollen gesünder, glücklicher und erfüllter leben. Mich begeistert die Aufgabe, für meine Klientinnen und Klienten einen Raum zu öffnen: einen liebevollen, wertschätzenden Freiraum, in dem sie sich entwickeln, sich selbst erfahren und ihr Leben mit Leichtigkeit und Freude in die Hand nehmen.

    Seit 1995 bin ich in eigener Praxis tätig, und meine Schwerpunkte sind die Psychotherapie, die Psychosomatik und die Hypnosetherapie. In diesen mehr als 20 Jahren habe ich zahlreiche Zusatzausbildungen und Fortbildungen absolviert. In meiner Sprechstunde begleite ich Klienten in Einzelsitzungen, biete aber auch Kurse an. Darüber hinaus lehre ich an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und unterstütze Führungskräfte und Teams in Unternehmen mit Coaching sowie zielgerichteten Workshops.

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    Ihr Ulrich Heister
    Ulrich Heister