In den Sitzungen mit meinen Klienten, aber auch in Gesprächen kommt immer wieder diese Frage auf: „Wie kann ich besser bei mir bleiben?“ In einem früheren Artikel habe ich schon beschrieben, dass es gar nicht so leicht ist, zu bestimmen, was dieses Ich eigentlich ist, bei dem wir bleiben wollen. In diesem Newsletter biete ich Dir eine Übung an, mit dem Du trainieren kannst, Deine Wahrnehmung zur Zentrierung zu nutzen.

Das Dilemma zeigt sich schon in der Fragestellung

Fällt Dir auch das Paradoxon auf, das sich in der Frage „Wie kann ich besser bei mir bleiben?“ liegt? Wer ist dieses „Ich“ und zu  wem gehört dieses „mir“? Hier zeigt sich bereits eine Spaltung, die sich in unseren Gedanken vollzieht. Tatsächlich ist da ein Körper mit einem Nervensystem. Dieses Nervensystem (genauer: unser präfrontaler Cortex) bringt die Abstraktion, die Vorstellung, eines Ich (Subjekt) hervor, welches bei sich (Objekt) bleiben möchte.

Wir werden ohne Identität geboren, doch nach einigen Lebensjahren sind wir voll mit diesem imaginären Ich identifiziert. Das ist wichtig, damit wir einen Bezugspunkt haben, von dem aus wir unsere Erfahrungen einordnen und unser Verhalten steuern können. Ohne unsere Ichs könnten wir nicht selbstbestimmt leben und unsere komplexe Gesellschaft würde nicht funktionieren.

Doch das Ich spaltet. Nach außen beispielsweise in Ich und Du. Aber auch nach innen. Es spaltet in Ich und „mich“ beziehungsweise „mein“, das heißt, es erschafft Objekte: „Mein Arm.“, der Arm wird zum Objekt. „Ich mag mich nicht sehr.“, „mich“ wird zum Objekt. Ein abgetrennter Teil schaut also auf sich selbst, als etwas anderes, und beurteilt sich. Eine empfundene Spaltung entsteht, obwohl die ursprüngliche Einheit (Körper mit Nervensystem) nie versehrt war. Das ist der Ursache vieler Probleme. Die Objekte entstehen nur als Vorstellung in unserem Kopf. Diese Vorstellungen beziehungsweise Abstraktionen lassen Fragen entstehen, wie: „Wie kann ich besser bei mir bleiben?“. Wir spalten einen imaginären Standpunkt von uns selbst ab. Es entsteht der Eindruck, wir seien nicht ganz bei uns. Was absolut richtig ist.

Dissoziation als krasse Form der Spaltung

Eine besonders starke Form dieser Spaltung ist die Dissoziation. Sie kann so weit gehen, dass der Mensch den Bezug zu sich selbst vollkommen verliert. Eine Erfahrung, die uns überfordert, kann eine Dissoziation auslösen. Zum Beispiel ein Unfall, eine Gewalterfahrung oder etwas, das wir nicht in unser Weltbild integrieren wollen oder können. Um den Schmerz, die Überforderung, die Hilflosigkeit, das Ausgeliefert sein, die Verletzung, den Kontrollverlust, die Scham, die Demütigung oder was auch immer, nicht spüren, fühlen oder wahrnehmen zu müssen, können wir uns mental von uns selbst völlig abtrennen.

Das ist ein uralter Schutzmechanismus, über den wir verfügen. Der Schockzustand soll uns helfen, insoweit funktionsfähig zu bleiben, um uns aus der Gefahrensituation zu entfernen oder in ihr kämpfen zu können. Und er sollte, nachdem wir das Ereignis überstanden haben, wieder verschwinden. Das tut er aber nicht immer. Dann sprechen wir von einem Trauma. Der Schockzustand wird chronisch. Er soll uns weiterhin vor den Gefühlen, Empfindungen und Erinnerungen beschützen.

Ein anderer Grund für eine Abspaltung kann sein, dass uns eine schmerzvolle Erfahrung gelehrt hat, dass es hilfreich sein kann, zu wissen was in anderen vor sich geht, um drohendes Unheil erkennen und vorzeitig reagieren zu können. So versetzen wir uns in die anderen und checken deren Zustand. Dabei fragen wir uns, was wohl als nächstes geschieht, wie der andere sich verhalten wird, wie wir uns verhalten sollten und was wohl von uns erwartet wird. Auch diese Abspaltung durch das Versetzen in andere dient dem Selbstschutz.

Die Abtrennung hat trotz des (begrenzten) Nutzen viele Nachteile: Wir nehmen uns selbst nicht mehr oder nicht mehr vollständig wahr.  Wir sind von den eigenen Gefühlen abgetrennt, können schlecht persönliche Verbindungen aufbauen, nehmen unsere Bedürfnisse nur eingeschränkt war oder unsere Wahrnehmung ist reduziert. Wir fühlen uns kaum lebendig, das Leben erscheint schal und bedrohlich, fühlen wenig Lebensfreude und meinen, neben uns selbst zu stehen.

Zur Ganzheit zurückkehren

Wie stark die Spaltung auch immer ist, die Du erfährst und die Frage „Wie kann ich besser bei mir bleiben?“ aufkommen lässt, sie lässt sich heilen. Ich zeige Dir hier einen Weg, wie Du zu Deiner Ganzheit zurückfinden kannst. Ganz wichtig ist zu erkennen, dass die Gefahrensituation längst vorbei ist. Wahrscheinlich bist Du nun schon wesentlich älter und hättest jetzt ganz andere Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Mache Dir klar, dass Du diesen chronischen Zustand eigentlich nicht mehr brauchst.

Dann stellst Du Deine Ganzheit wieder her. Da wir wissen, dass das Ich und unsere Identitäten kein verlässlicher Bezugspunkt sind, nutzen wir unsere unmittelbare Wahrnehmung, um uns zu integrieren. Du wirst bemerken, dass Du Dich dabei wieder als ein Ganzes empfindest und Verbindung spürst.
Anleitung

Setze Dich an einem ungestörten Ort in einen bequemen Sessel und entspanne Dich. Um die Entspannung einzuleiten, kann Dir dieses Video helfen. Nun lasse um Dich herum in Deiner Vorstellung Deinen Wohlfühlort entstehen. Das kann ein Ort sein, den Du kennst oder ein Fantasieort. Schau Dich dort um und lasse die Eindrücke klar und lebendig werden, so, als seiest Du tatsächlich dort.

Nun überprüfe, ob Du Dich dort von außen siehst oder ob Du aus Deinen eigenen Augen schaust. Solltest Du Dich von außen sehen, bist Du von Dir abgetrennt. Gehe mit Deiner Wahrnehmung absichtsvoll in Deinen Körper hinein. Achte im weiteren Verlauf darauf, aus Dir selbst heraus wahrzunehmen. Schaue Dich aus Deinen eigenen Augen an Deinem Wohlfühlort um. Höre auch die Geräusche, die zu Deinem Wohlfühlort gehören. Rieche, wie es dort riecht! Vielleicht gehört auch ein Geschmack dazu? Fühle, wie Du Dich dort fühlst! Sei ganz dort! Benutze alle Deine Sinne, um ganz dort zu sein! Fühle Dich wohl! Sei in Deinem Körper!

Wenn Du diesen Eindruck von Deinem Wohlfühlort klar spürst, lasse ihn noch stärker werden. Genieße ihn eine Zeit lang. Dann kehre mit diesem Gefühl der Ganzheit und Deinen aktivierten Sinnen in Deine Gegenwart zurück. Bewege Dich ein bisschen und öffne die Augen. Bleibe dabei in Deiner unmittelbaren Wahrnehmung. Nun fühle Dich in Deiner tatsächlichen Umgebung wohl und benutze Deine Sinne aus Dir selbst heraus, um das, was um Dich herum ist, wahrzunehmen. Gehe mit dieser Empfindung durch Deinen Alltag und sei in diesem Zustand mit anderen Menschen in Kontakt.

Trainiere dies immer wieder, damit diese Art, mit Dir in Verbindung zu sein, Dein normaler Zustand wird. Solltest Du Schwierigkeiten bei der Übung haben oder Dein Problem weiter bestehen, melde Dich bei mir. Gemeinsam bekommen wir es hin.

Mit herzlichem Gruß
Ulrich Heister


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Ulrich Heister

Ulrich Heister

Ich arbeite mit Menschen, die etwas verändern wollen: in ihrem eigenen Leben, in ihren Beziehungen oder im Beruf. Sie wollen gesünder, glücklicher und erfüllter leben. Mich begeistert die Aufgabe, für meine Klientinnen und Klienten einen Raum zu öffnen: einen liebevollen, wertschätzenden Freiraum, in dem sie sich entwickeln, sich selbst erfahren und ihr Leben mit Leichtigkeit und Freude in die Hand nehmen.

Seit 1995 bin ich in eigener Praxis tätig. Meine Schwerpunkte sind die Psychotherapie, die Hypnosetherapie und die Psychosomatik. In diesen mehr als 20 Jahren habe ich die Erfahrungen aus meiner Arbeit und zahlreichen Zusatzausbildungen zu einem sehr wirkungsvollen Ansatz weiterentwickelt. Ich begleite Klienten in Einzelsitzungen, bietet aber auch Kurse an. Darüber hinaus lehre ich an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und unterstütze Führungskräfte und Teams in Unternehmen mit Coaching sowie zielgerichteten Workshops.

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Dein Ulrich Heister
Ulrich Heister